Warum bloß sind wir süchtig nach Geschichten von geschundenen Frauen aus dem Orient?

Sibylle Hamann

Es war eine Geschichte, die perfekt in den Zeitgeist passt. Ayaan Hirsi Ali, das zarte Mädchen aus der somalischen Wüste, wird von ihrer skrupellosen Familie zwangsverheiratet. Ihr gelingt eine mutige Flucht, zurück nach Hause kann sie nicht, denn dort droht ihr ein Rachemord. In Holland findet sie Asyl, wird Politikerin, erhebt die Stimme gegen die Frauenunterdrückung im Islam und für die Meinungsfreiheit. Sie wird gehasst von den einen, bewundert von den anderen, stets bedroht von islamistischen Häschern. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass die finsteren Moslems genau so sind, wie wir sie immer schon gefürchtet haben.

Wesentliche Teile dieser Geschichte stimmen nicht, enthüllte nun eine holländische TV-Dokumentation. Dass die Zwangsheirat erfunden war, gibt Hirsi Ali darin selbst zerknirscht zu.

Das ist ein Schock.

Was folgt daraus? Dass Frauen prinzipiell übertreiben? Dass es Zwangsverheiratungen ebensowenig gibt wie Ehrenmorde? Dass im Islam alles super ist, und jede moslemische Frau, die um Asyl ansucht, eine dreiste Betrügerin ist? Ganz sicher nicht.

Wohl aber ist es ein Anlass, darüber nachzudenken, warum wir von Opfergeschichten aus dem Orient gar nicht genug kriegen können. Ganze Abteilungen in den Buchhandlungen sind inzwischen voll mit herzzerreißenden Autobiographien geschundener Frauen. Stets wurden sie verschleppt, verkauft, als Sklavinnen gehalten; gedemütigt, vergewaltigt, beschnitten, gequält. (Ist es ein Zufall, dass die Wortwahl an sadomsochistische Pornos erinnert?) Wenn so ein Opfer seine Identität noch hinter einem Schleier verbirgt, dann reicht schon dieses Kleidungsstück als Schlüsselreiz, um dem Konsumenten wohlige Schauer des Mitleids über den Rücken zu jagen.

Irgendetwas ist da faul.

Eigentlich hätte es schon misstrauisch machen müssen, wer neuerdings aller für den Feminismus auf die Barrikaden steigt: Vom groß-reaktionären George W. Bush, der die Frauen im Irak befreien wollte, bis hin zum klein-reaktionären H.C. Strache, der sein Anti-Ausländer-Volksbegehen mit dem Slogan „Für freie Frauen, gegen den Kopftuchzwang“ bewarb.

Nein, so dämmert es uns langsam: Hier geht es längst nicht mehr um Frauenrechte, schon gar nicht um das Schicksal der konkreten, womöglich tatsächlich unterdrückten Asylwerberin nebenan. Sondern um kulturelle Selbstgerechtigkeit, um das Schüren billiger Ressentiments, um kaltes politisches Kalkül.

Was die TV-Dokumentation über Ayaan Hirsi Ali weiter enthüllt, passt da genau ins Bild. Angeblich wussten mehrere führende Funktionäre ihrer Partei, der liberalen VVD, von Anfang an über die biographischen Ungereimtheiten Bescheid. Es hielt sie nicht davon ab, die junge Frau zum Poster-Girl in ihrem anti-islamischen Kulturkampf zu machen.

Ayaan Hirsi Ali, heißt es, will nun ihr Mandat zurücklegen, in die USA auswandern, und dort beim „American Enterprise Institute“ anheuern. Dort wäre sie, am Ende des Tages, genau richtig. Denn um Frauenrechte ging es an diesem Institut noch nie, um den Kulturkampf dafür umso mehr. Es ist die wichtigste Denkfabrik der amerikanischen Neokonservativen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.