Es gibt ihn noch. Und schleichend erobert er die Lufthoheit über den amerikanischen Stammtischen zurück.

Von Sibylle Hamann

Der gute Amerikaner hat das Herz am rechten Fleck. Seine männliche Klischeeversion steht wortkarg im karierten Holzfällerhemd am Grill, die weibliche backt Kuchen für ein Wohltätigkeitskränzchen. Beide verstricken sich nicht gern in komplizierte Diskurse, aber sie haben ein untrügliches Gespür dafür, was richtig und was falsch läuft auf der Welt.

Der gute Amerikaner interessiert sich nicht brennend für die vielen unübersichtlichen Länder jenseits der Ozeane. Am liebsten will er Baseball und Ruhe, ganz sicher will er niemandem absichtlich wehtun. Aber manchmal, selten, kommt es drauf an. Da ist Unordnung draußen, das Gute ist in die Ecke gedrängt, das Böse gewinnt die Überhand, da muss man eingreifen, da braucht es Trapperqualitäten und Cowboy-Mut. In solchen Momenten war der gute Amerikaner, historisch gesehen, fast immer zur Stelle, und zwar auf der richtigen Seite der Geschichte. Man kann sich auf seinen moralischen Instinkt verlassen.

Von diesem guten Amerikaner haben wir lang nichts mehr gehört. Der „Krieg gegen den Terror“, in dem gut und böse wild durcheinandergerieten, hat ihn verwirrt. Denn selbstverständlich ist der gute Amerikaner ein Patriot, der im Vorgarten über dem Schaukelstuhl stolz die Fahne hisst. Wer Amerika liebe, müsse auch Guantanamo gutheißen, sagte die Regierung Bush. Wer keinen Terror wolle, müsse im Irak kleine Mädchen erschießen. Wer den Präsidenten kritisiere, sei ein Feind Amerikas.

Das hat gewirkt, drei lange Jahre lang.

Aber jetzt tourt Bruce Springsteen durchs Land, die Klampfe in der Hand, und spielt „We Shall Overcome“, wie in den besten Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Sein Kollege Neil Young formuliert die Botschaft deutlicher und singt: „Impeach the president for lying, misleading our country into war, abusing all the power we gave him.“ Das neue Album von Pearl Jam heißt „World Wide Suicide“, jenes von Paul Simon „Wartime“, jenes von Pink „Dear Mr President“, und alle werden sie auf den großen Radiostationen rauf und runtergespielt.

Springsteen ist nicht Michael Moore. Er ist kein linker Agitator, kein üblicher Verdächtiger, kein langhaariger Hippie und kein abgehobener Ostküsten-Intellektueller – sondern ein Kind der weißen Arbeiterklasse, ein Mann im Holzfällerhemd, mit dem Herz am rechten Fleck. Sein Hit „Born in the USA“ wird immer dann gespielt, wenn Amerika stolz auf sich sein will.

Heute, auf seinem neuen Video, zeigt sich Springsteen in weichen Sepia-Tönen in einem alten Bauernhaus in New Jersey. Seine Freunde haben Banjos, Fiedeln und ein Akkordeon mitgebracht. Sie spielen Folk und Gospelsongs, es geht um Freiheit und Gerechtigkeit, es klingt kräftig, erdig, unbeirrt. Die Botschaft versteht jeder: Wir sind von unserer Regierung in die Irre geführt worden. Aber Bush ist nicht das richtige Amerika. Das sind wir. Und wir wissen jetzt wieder, was richtig und was falsch ist, verlasst euch auf uns.

Wo Springsteen ist, ist Amerika: Nach sechs Jahren Bush, drei Jahren Krieg und zwei Jahren Guantanamo wäre das eigentlich eine ganz gute Nachricht.

 

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