Wo gehört man hin? Dort, wo man sich nicht fürchten muss.

Sibylle Hamann

Die 86. Straße, in der Upper East Side von Manhattan, ist keine sehr hippe Gegend. Hier wohnen Menschen mit zu viel Geld, um es noch lustvoll ausgeben zu können. Die Zweijährigen, die von ihren puertoricanischen Nannies in den Central Park geschoben werden, tragen widerwillig Designerstiefelchen, die Hunde werden von bezahlten Dogwalkern ausgeführt. An der Ecke 86. und Fifth Avenue steht die Neue Galerie, ein kleines, feines Museum, das silberne Aschenbecher um 1300 Dollar verkauft. Nachts ist es still, weil Reiche Ruhe schätzen, aber lebendige, räudige Künstler könnten sich die Gegend ohnehin nicht leisten.

Adele Bloch-Bauer, der unkonventionellen Wiener Salondame, wäre die heutige Upper East Side wahrscheinlich recht fad vorgekommen. Die hatte, glaubt man der Überlieferung, eher ein Faible fürs Sperrige, fürs Zeitgenössische in seiner dramatischen Variante. „Ich sah sie niemals lächeln“, erinnert sich ihre Nichte Maria Altmann in der „New York Times“. „Sie schaute immer sehr ernsthaft drein, trug fließende weiße Gewänder, und hielt einen goldenen Zigarettenspitz in der Hand – obwohl es für Frauen sehr unüblich war, zu rauchen.“ Auch anderes Unschickliche leistete sich Adele: Sie pflegte die Nähe zu sozialdemokratischen Arbeiterführern und hätte gern an der Uni studiert, aber so etwas gehörte sich nicht. Sie wäre, wie ihre Nichte meint, gern Politikerin geworden. Und überhaupt: „Sie hätte es geliebt, eine moderne Frau von heute zu sein.“

Adele Bloch-Bauer, die goldene, ist ab nun in Manhattan, in der 86. Straße, Ecke 5th Avenue, zu Hause. Genau dort gehört sie auch hin. Nicht wegen der gediegenen Langeweile, auch nicht wegen des Geldes rundum. Sondern weil man nur dort zu Hause sein kann, wo man sich willkommen fühlt.

Adele Bloch-Bauer hat die Nazis nicht mehr erlebt. Sie starb 1925, mit 42 Jahren. „an der Kopfgrippe“, wie die „Neue Freie Presse“ vermeldete. Mit Mitte fünfzig hätte man sie in ihren fließenden weißen Gewändern zum Gehsteig-Schrubben auf die Straße gezerrt. Adele hatte keine Kinder. Zwei wurden tot geboren, das dritte überlebte nur wenige Tage. Hätte die Medizin es geschafft, sie durchzubringen – Adele hätte sie in Wien vor der Deportation und der Ermordung nicht schützen können.

Zu Hause ist der Ort, an dem man sich nicht fürchten muss. Wo man hin kann, wenn man nicht mehr weiter weiß, und wo man aufgenommen wird, egal wie viel Probleme und Gepäck man mitbringt. Henry Grunwald, dem 1940 die Flucht von Wien nach New York per Schiff gelang, formulierte es so: „Heimat ist die Tapete im Kinderzimmmer, der Esstisch, die Geschichten und Lieder, mit denen man aufwächst. Aber Heimat muss sich, wie Elternschaft auch, durch Liebe legitimieren; sonst bleibt sie ein bloßer geographischer oder biologischer Zufall.“

New York hat Henry Grundwald gewollt, es hätte Adele Bloch-Bauer gewollt, es hat die goldene Adele gewollt und um sehr viel Geld gekauft.

„Sie ist endlich dort ist, wo sie hingehört“, sagt Maria Altmann. Es wird der Tante gut gehen in der 86. Straße. Langeweile ist schließlich nicht das schlimmste, das einem zustoßen kann.

 

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