Riechen wir wirklich so übel? Oder sind das die anderen?

Sibylle Hamann

Wir riechen also schlecht, meint Burgtheaterdirektor Klaus Bachler, und wer die Nase in den Wind reckt, muss zugeben: Da ist was dran. Hier wird gerülpst, dort stinkt jemand aus dem Mund, in den Schweiß mischt sich stechende Galle, und über allem wabert die schwüle Wolke aus Neid, Schadenfreude und Ressentiment.

Ein bisserl so riechts hier immer. Man lebt damit, normalerweise lüftet man kurz, und es geht schon.

Nicht so in diesen Tagen. Da kann man die Fenster noch so weit aufreißen, es hilft nichts, es weht immer ein neuer Schwall herein. Prokop sagt „Zeitbombe“, Westenthaler sagt „kriminelle Banden“, Strache sagt „Hassprediger“. Prokop sagt „Moslems“, Westenthaler sagt „Türkei“, Strache sagt „Bulgarien, Rumänien, Zigeuner“. Prokop sagt „Terroranschläge“, Westenthaler sagt „Wohnungseinbrüche“, Strache sagt „Rache“. Es ist ein perfides Mantra, das Wörter durch bloße Wiederholung zusammenschweißt: „Ausländer“ und „kriminell“, „Asylant“ und „Drogendealer“, „illegal“ und „Einwanderer“, „Islam“ und „Gefahr“.

Man steht mittendrin in diesem Wolfsgeheul, das bis zum Wahltag wohl noch schriller und schauerlicher werden wird, und fragt sich: Was soll denn das bloß für ein Österreicher sein, der solcherart politisch umworben wird? Hockt die Mehrheit der hiesigen Wähler tatsächlich hinter verbarrikadierten Türen, zerfressen von Angst vor der Welt, in Panik vor jedem, der anklopfen könnte, eine geladene Schrotflinte in der Hand und Geifer vor dem Mund? Fast alle Parteien, die SPÖ inklusive, scheinen davon überzeugt zu sein. Man will es nicht recht glauben.

Vielleicht ist es auch gar nicht so. Manchmal stehen interessante Dinge in der Zeitung, die man Wahlkampfstrategen ans Herz legen möchte. Zum Beispiel ein Detail aus der Imas-Umfrage für die Presse.

Der Durchschnittsösterreicher ordnet sich demnach, auf einer Skala zwischen links (1) und rechts (100), einen Zentimeter rechts der Mitte ein (bei 51,3). Der SPÖ-Wähler sieht sich, bloß einen Millimeter abseits, bei 49,9, der ÖVP- Wähler bei dezenten 56,1. Aber wo stehen ihre Parteien? Weit entfernt. Viel weiter rechts. Jedenfalls nicht dort, wo ihre Wähler sind. SPÖ-Anhänger orten die SPÖ bei 56,3, also beinahe außer Sichtweite; ÖVP-Anhänger die ÖVP bei 62,3 – in jener ideologischen Gegend, wo normalerweise die FPÖ zu Hause ist. Die Erkenntnis: Im Eifer des Gefechts, bei ihrem Wettlauf zum rechten Spielfeldrand, haben offenbar alle Parteien (außer den Grünen) ihre Wähler abgehängt.

Das ist einerseits eine niederschmetternde Nachricht – denn es verrät, dass unsere politischen Vertreter, deren Aufgabe Mäßigung wäre, stattdessen Aufhetzung betreiben.

Es könnte aber, andererseits, auch eine gute Nachricht sein. Es hieße nämlich: Die Grauslichkeiten, durch die wir waten, gehören nicht, naturwüchsig quasi, zu Österreich – sie werden uns absichtlich vor die Füße gekippt. Es hieße: Wir riechen vielleicht nicht so übel, wie wir selbst (und Klaus Bachler) manchmal glauben. Der Angstschweiß ist womöglich gar nicht unser eigener – sondern jener von Prokop, Westenthaler und Strache. Und am Rest ist eventuell das Wetter schuld.

 

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