Der Fall Natascha Kampusch lehrt alle, die immer genau wissen, wer gut und wer böse ist, ein bisschen Demut.

Sibylle Hamann

Man hätte doch etwas merken müssen. Man hätte doch etwas tun können. Man hätte den Täter doch erkennen müssen, als man ihm gegenüberstand, vor dem weißen Kastenwagen mit dem Bauschutt, und seine Wagenpapiere überprüfte. Als Polizist, als einer, der professionelle Menschenkenntnis haben muss, überhaupt. Wie kann man den, um Himmels Willen, einfach so laufen lassen, ohne Verdacht zu schöpfen? Wie konnten die Behörden derart kläglich versagen?

So klingen die Anklagen in diesen Tagen, sie sind ehrlich verzweifelt, doch sie sind hilflos. Ähnlich hilflos sind die gestammelten Antworten der Polizei: Was, um Himmels Willen, hätten wir denn merken sollen? Woran erkennt man denn einen Verbrecher, einen Perversen, einen Sadisten? Am Bauschutt im Auto? Am Auto? Am schüchtern beflissenen Lächeln? Am tschechischen Nachnamen? An der Hautfarbe? An den Wimmerln? Oder an der akkurat gestutzten Thujenhecke vor seinem Haus?

Die Polizei hat recht, wenn sie sich zu Unrecht kritisiert fühlt. Es mag unser aller Sehnsucht entspringen, jemanden beauftragen zu können, der das Gute vom Bösen auf zwanzig Meter gegen den Wind zu unterscheiden vermag. Doch es ist ein unerfüllbarer Auftrag, und es ist eine trügerische Sehnsucht.

Thomas Müller, der Kriminalpsychologe, der es mit seinen Verbrecher-Psychogrammen zurecht zu Starruhm gebracht hat, ist ein abgebrühter Profi und wahrscheinlich ein gescheiter Mann. Gerade deswegen übt er sich in Demut. „Die Annahme zu wissen, was man jemandem zutrauen kann und was nicht, ist der größte Irrtum und bestenfalls die Basis für Vorurteile“, sagt er. Und er zitiert ein Sprichwort, angeblich aus dem Sudan: „Suche das Böse im Schatten deiner eigenen Hütte“.

So etwas hört der Spießer in uns nicht gern. Denn die eigene Hütte ist ihm heilig, und Selbstzweifel sind ihm fremd.

Eine der gefährlichsten Eigenheiten des Spießers ist nämlich seine Selbstgerechtigkeit. Die Sicherheit, mit der er seine eigenen kleinen Vorlieben für absolut erklärt; die Unbeirrbarkeit, mit der er den Rest der Menschen an seinem Maßstab misst; die Eile, in der er bereit ist, alles, was „anders“ ist als er, zu fürchten, zu brandmarken, abzuwehren.

Die Welt dieses Spießers ist einfach. In ihr sieht man dem Fremden seine fremdländische Herkunft an, dem Anderen seine Andersartigkeit, dem Gefährlichen seine Gefährlichkeit. (Im Zweifelsfall ist das „Fremde“ dann meistens mit dem „Gefährlichen“ identisch.)

Und dann das.

Dann kriecht das Böse aus Strasshof an der Nordbahn hervor, aus einem voll unterkellerten, sauber verputzten Einfamilienhaus mit Garage. Hinter einer Thujenhecke hat das Böse gesteckt, einer akkurat gestutzten. Das Böse hat einen Hobbyraum. Es sortiert im Bastelkeller penibel sein Werkzeug, und mäht Samstags seinen Vorgarten auf Golfplatzrasenlänge. An der Garagenwand verstaut es das Frostschutzmittel und die neue Garnitur Winterreifen. Die einzige kleine Extravanganz, die es sich leistet, ist der weinrote BMW.

Das Böse ist ein Spießer. Das Böse ist ein Heimwerker. Welcher Heimwerker hätte das gedacht?

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