Grausame Regeln sind manchmal leichter zu ertragen als gar keine Regeln.

Sibylle Hamann

Auf dem Flughafen von Mogadischu ist am Montag ein Flugzeug gestartet. Ein ganz normales Flugzeug einer kommerziellen Fluglinie, mit ganz normalen Passagieren an Bord – Geschäftsleuten wahrscheinlich, die Flugtickets bezahlt haben, Zielflughafen Abu Dhabi.

Dass in Mogadischu ein normales Flugzeug startet, ist berichtenswert. Das hat es nämlich in Somalia lang nicht mehr gegeben. Somalia war seit zehn Jahren kein Staat mehr, sondern ein Hort totaler Willkür, wo nur ein einziges Gesetz galt: Der Stärkere hat Recht und nimmt sich, soviel er kriegen kann. Die Warlords kassierten ab am Straßenrand, vor der Küste lauerten Piratenschiffe, und wer bei Revierkämpfen abgeknallt wurde, der hatte eben Pech gehabt.

In so einem Land fährt kein Händler mehr auf den Markt, kein Fischer mit dem Boot aufs Meer hinaus, und jede Bäuerin verbarrikadiert sich im Haus. Wenn rundherum zufällige Gewalt herrscht, dann gibt es keinen Warenverkehr, keine Landwirtschaft, keine Zukunftsplanung mehr. Da lernt man bloß noch, sich wegzuducken vor den Gewehrkolben, und hofft, dass man überlebt bis zum nächsten Tag.

In Somalia haben nun die Milizen der „Scharia-Gerichtshöfe“ die Warlords vertrieben und die Macht übernommen. Das klingt nach Taliban, und ist auch so: Die neuen Herren stürmen die Kinos und Cafes, sie verbieten den Menschen das Fernsehen, sie zücken Peitschen, wenn nicht alle pünktlich beten. Die Somalier waren nie fundamentalistisch. Trotzdem haben sie die Islamisten willkommen geheißen. Denn ihr Alltag ist seither berechenbar, bewältigbar geworden. Endlich kann man wieder zum Markt fahren und hinaus aufs Meer, endlich trauen sich die Frauen wieder zum Brunnen, und endlich sichert jemand die Flughafenstraße, damit ein Flugzeug starten kann.

„Scharia“ ist ein Wort, das uns im Westen Schrecken einjagt: Da wird gesteinigt, da werden Hände abgehackt. Auf arabisch heißt Scharia schlicht „Weg zur Wasserstelle“, und manchmal geht es, buchstäblich, genau um diesen.

Es war ganz ähnlich in Afghanistan, kurz bevor die Taliban an die Macht kamen: Der Staat inexistent, das Land gelähmt durch die Territorialkämpfe marodierender Kriegsfürsten; da fuhr kein Überlandbus, der nicht von selbsternannten Zöllnern an selbsterrichteten Straßensperren geplündert wurde. Dann kamen die Taliban, zwangen die Frauen unter die Burka, befahlen Beten und Bartwuchs, verboten Singvögel und Drachensteigen, und peitschten jeden, der aufmuckte.

Doch für viele Afghanen war dieses bizarre Regelsystem offenbar leichter zu ertragen als die totale Regellosigkeit zuvor. Mit der Burka aus dem Haus zu gehen war mehr, als gar nicht aus dem Haus zu gehen. Wer vor solchen Alternativen stehnt, dem nützt auch die Befreiung nicht viel: In den südlichen Provinzen Afghanistans sind die Taliban laut jüngsten Berichten de facto wieder an der Macht.

Die Sehnsucht nach Freiheit ist viel besungen worden. Die Sehnsucht nach Berechenbarkeit ist längst nicht so glamourös. Heldenepen und Hymnen hat man ihr keine gewidmet, und was sie hervorbringt, ist oft brutal.

Trotzdem: Kann es sein, dass sie am Ende des Tages die stärkere Sehnsucht ist?

 

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