Was der Kapitalismus von den Chinook-Indiandern lernen kann

Sibylle Hamann

Die Chinook-Indianer waren ein friedliches Volk an der nördlichen Pazifikküste Amerikas. Sie lebten von der Lachsfischerei, handelten mit Muscheln und hielten viel auf das Ansehen ihrer Familie. Wenn ein Würdenträger starb, mussten seine Nachfahren ihm Reverenz erweisen. Um sein spirituelles Erbe anzutreten, wurde von ihnen erwartet, einen Potlatch auszurichten.

Ein Potlatch ist nichts anderes als eine riesige Vermögensvernichtungsparty. Da wurde alles herausgeholt, was die Schatz- und Kornkammern der Familie hergaben: Muscheln und Trockenfisch, Leder und Felle, und an die Nachbarn verteilt. Am Ende war die gesamte Verlassenschaft weg, doch die Erben waren glücklich. Sie hatten ihre toten Ahnen geehrt und ihren lebenden Mitbürgern Wertschätzung gezeigt. Sie wurden fortan geachtet.

Außerdem hatte der Potlatch einen sozialen Nebeneffekt: Es verhinderte die Anhäufung großer, unproduktiver Vermögen. Am meisten Status gewann nicht jener, der über Generationen die meisten Felle anhäufte, sondern jener, der die meisten Felle verschenkte – und sie damit einer Nutzung zuführte.

Kein Wunder, dass die Chinook die Konfrontation mit dem modernen Kapitalismus nicht überlebt haben, könnte man sagen. Wären da nicht die Super-Kapitalisten im modernen Amerika, die im Prinzip nichts anderes tun.

Warren Buffet zum Beispiel ist ein friedlicher 76jähriger in Omaha, Nebraska. Er war einst Zeitungszusteller, vermietete Flipperautomaten, handelte mit Golfbällen, kaufte Aktien und war erfolgreich. Obwohl er mit 44 Milliarden Dollar Vermögen heute der zweitreichste Mann der Welt ist, wohnt er noch in jenem Haus, das er 1958 um 31.500 Dollar baute. Er ist ein Geizkragen. Doch 37 Millarden schenkte er jüngst der Wohltätigkeitsstiftung seines Bridge-Partners Bill Gates. Die kümmert sich, hochprofessionell, um Schulen in Schwarzenghettos, um Impfprogramme in der Dritten Welt und um medinzinische Forschung.

„Gutmenschtum“ oder eine verkappte sozialistische Agenda wird man kühlen Rechnern wie Buffett kaum vorwerfen können. Dennoch sind gerade sie die vehementesten Befürworter der Erbschaftssteuer (deren Abschaffung von der Regierung Bush betrieben wird). Dynastischer Reichtum widerspreche allem, wofür Amerika steht, meint Buffett. Es mache keinen Sinn, Erben einen Startvorteil zu verschaffen, „nur weil die zufällig das Glück haben, Mitglied im Club der richtigen Spermien zu sein“. Und das gelte, klar, auch für seine eigenen drei Kinder Howard, Susan und Peter.

In Österreich geht es um keine Vermögen Buffettscher Ausmaße. Doch jeder von uns hat schon einmal einen kleinen Erben kennengelernt – und sich gefragt: Tut dem das wirklich gut? Wie ist das, mit dem Druck aufzuwachsen, dass man einmal die Firma übernehmen soll? Und wie ist das, wenn man weiß, dass es materiell völlig gleichgültig ist, ob man sich im Leben anstrengt oder nicht?

Der Stahlunternehmer Andrew Carnegie, einer der großen Mäzene Ende des 19. Jahrhunderts, wusste darauf eine klare, harsche Antwort: „Für Kinder ist es nicht gut, auf diese Weise belastet zu werden.“ Reich werden sei wunderbar. Doch „wer reich stirbt, stirbt in Schande.“

 

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