Warum man Inländer vor den selbsternannten Inländerfreunden schützen muss

Sibylle Hamann

Frau Navratil aus dem zweiten Stock kommt neuerdings wieder öfter an die frische Luft. Weil eine junge Frau bei ihr wohnt, die Milena heißt und aus Brünn kommt. Frau Navratils Großmutter könnte ebenfalls Milena geheißen haben, vielleicht kam sie einst als Dienstmädchen aus Brünn, aber Sentimentalitäten sind nicht das Thema. Frau Navratil freut sich bloß, dass sie nach dem Mittagsschläfchen jetzt fest am Arm genommen wird, drei Stiegen hinunter, dann gehen die beiden eine kleine Runde im Augarten. Milena wärmt der Frau Navratil das Essen, hilft ihr beim Baden, bezieht das Bett frisch, wenn ein Malheur passiert ist. Und weil sie oft gemeinsam fernschauen, kann die Milena auch schon ein bisserl deutsch.

Frau Navratil ist mit dem Arrangement eigentlich ganz zufrieden. Man muss ihr jetzt bloß noch wünschen, dass der Ingenieur Westenthaler nichts zu reden kriegt in Österreich.

Milena ist nämlich, in Westenthalers Worten, eine „illegale Ausländerin“, und damit eine von jenen 200.000 oder 300.000, die der BZÖ-Chef deportieren will. Westenthaler, der einmal Hojac hieß, legt zwar Wert auf die Feststellung, dass er deswegen kein Ausländerfeind ist, sondern ein Inländerfreund, aber er wird sich schwertun, das der Frau Navratil zu erklären.

Die hätte zwar gar nichts dagegen, wenn ihre Milena Sabine hieße und nicht aus Brünn käme, sondern aus Gmünd. Doch auch der leidenschaftlichste Inländerfreund kann die netten, bescheidenen inländischen Pflegerinnen nicht in Massen herbeizaubern. Marktwirtschaftlich betrachtet, gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder private Pflegerinnen verdienen so viel, dass der Beruf für engagierte, qualifizierte ÖsterreicherInnen interessant wird – dann kann sich die Frau Navratil keine mehr leisten. Oder das Arbeitsamt zwingt anderweitig unmvermittelbare Österreicher unter Strafandrohung dazu, um jenes Geld zu arbeiten, das jetzt Milena verdient. Aber die Art Betreuung, die Frau Navratil dann bekäme, wünscht man ihr wohl nicht wirklich.

Milena andererseits kann es den Inländerfreunden ohnehin nicht recht machen, egal was sie tut. Ist sie illegal, droht ihr die Abschiebung, aber legal darf sie nicht sein. Ist sie zu billig, betreibt sie „Lohndumping“, ist sie zu teuer, nimmt sie Österreichern die Arbeit weg. Lernt sie nicht deutsch und will heim nach Brünn, ist sie „integrationsunwillig“; lernt sie deutsch und will in Wien bleiben, ist sie hier eine Ausländerin zu viel.

Sofern die alte Frau Navratil nicht an Alzheimer leidet, sondern wach ist im Kopf, wird sie an dieser Stelle feststellen, dass es die „Inländerfreunde“ gar nicht gut meinen mit ihr. Sie denkt sich: Gut, dass solche Leute nichts zu reden haben in Österreich, und dreht den Musikantenstadl auf.

Dann wird ihr einfallen, dass das seltsame BZÖ dieses Land mitregiert, und dies, nach dem Willen der ÖVP, auch weiterhin tun soll. Sie kann sich nicht erinnern, dass Kanzler Schüssel widersprochen hätte, als Westenthaler Milenas Deportation forderte. Sie liest in der Zeitung, dass Schüssel Westenthaler für einen geeigneten Vizekanzler hält.

Und dann erschrickt die Frau Navratil.

 

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