Wenn Leute wie Westenthaler als Bürgerliche durchgehen, dann ist Thomas Schäfer-Ellmayer ein Hooligan.

Sehr geehrtes bürgerliches Lager!

Ich weiß nicht, wer bei Ihnen zuständig ist. Ich bin auch unsicher, wo sich Ihr Lager genau befindet – im Theater in der Josefstadt? Beim Heurigen in Neustift? Daheim bei Ursula Stenzel? Oder gleich hier in der Presse? Es geht mich auch eigentlich nicht direkt was an. Trotzdem muss ich Sie was fragen.

Es ist nämlich so: Da laufen Radaubrüder herum, die behaupten, sie seien welche von Ihnen. Die schauen aus wie halbstarke Vorstadtstrizzis und benehmen sich auch so. Aber sie brüsten sich öffentlich damit, zum „bürgerlichen Lager“ zu gehören. Sie sprechen in Ihrem Namen, im Namen der „bürgerlichen Mehrheit“.

Das kann Ihnen doch nicht gleichgültig sein, oder? Trotzdem sagen Sie nichts. Da hört man keinen Muckser der Distanzierung, nicht einmal ein kleines missbilligendes Naserümpfen (und mit Letzterem sind Sie doch normalerweise ganz gut, wenn neben Ihnen in der Straßenbahn jemand ein Döner Kebap schmatzt oder wenn es wummwummwumm aus seinen Ohrstöpseln dröhnt).

Dabei müsste es jeden Bürgerlichen grausen, wie sich diese Leute aufführen. Beim Ellmayer waren sie jedenfalls nicht, und Höflichkeit haben sie auch anderswo nicht gelernt. Da haut einer dem anderen in die Goschn, und wer sich einmischt, fangt auch gleich eine. Stattfinden tut das alles an Orten, die schon Ihrem ästhetischen Gefühl wehtun müssten. In Lokalen, die „Stadl“ heißen, mit Täfelung aus billigen Nut- und Federbrettern, im Almhüttenstil. (Welche Musik dort herausplärrt, wissen wird nicht so genau, wir dürfen aber annehmen, dass es mit dem Alban-Berg-Quartett ebensowenig zu tun hat wie mit gepflegtem Freejazz.)

Und weltanschaulich? 1848 sind Sie auf die Barrikaden gestiegen; naja, Ihre Vorfahren halt. Damals ging es um Bürgerrechte, um bürgerliche Freiheiten, um Brüderlichkeit. Heute geht es den Bürgerlichen, wie Sie immer sagen, um Werte, Religion und Familie.

Mit den Halbstarken, scheint mir, werden Sie da jedoch nicht recht zusammenkommen. Vom Recht auf freie Religionsausübung halten die jedenfalls nicht viel – in Wien wollen sie den „Wildwuchs an Moscheen“ beschneiden. Das Recht auf Famlienleben ist ihnen auch nicht so wichtig – sonst würden sie nicht jeden Familiennachzug verbieten wollen. Rechtsstaat und Verfassung gelten zumindest in Kärnten nicht. Und mit der Brüderlichkeit… da kommen sie schon untereinander nicht klar, siehe oben.

Seltsam, dass Sie trotz alldem so gar keine Berührungsängste entwickeln. In Wien nicht, und in Budapest auch nicht, wo dieser Tage die bürgerlichen Anhänger von Viktor Orban mit Faschisten, Skinheads und Hooligans gemeinsame Sache machen, um den Premier zu stürzen. Kann es sein, dass Ihr bürgerliches Stilgefühl, Ihr Beharren auf Höflichkeit und Anstand, immer dann plötzlich zweitrangig wird, wenn es um die Macht geht?

Die „bürgerliche Option“, eine rechte Dreierkoalition, kommt nicht in Frage, „nicht mit diesen Polit-Hooligans“, sagt da einer. Aber das war wieder kein Bürgerlicher, keiner von Ihnen, sondern Heinz-Christian Strache.

Oder spricht der jetzt auch schon in Ihrem Namen?

 

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