Warum bloß sind die Türken so verstockt, sobald man das Wort „Armenier“ erwähnt?

Sibylle Hamann

Man muss einen schlafenden türkischen Regierungsbeamten wohl nur antippen und ihm das Wort „Armenier“ ins Ohr hauchen, damit er halbwach strammsteht und loslegt: Die anderen haben angefangen, wir mussten die Heimat verteidigen, nicht auszudenken, was die uns angetan hätten, lauter Provokateure sind das, im Krieg geschehen immer schreckliche Dinge. Bei einem Kärnter FPBZÖ-Funktionär bewirkt man mit dem Codewort „slowenische Partisanen“ dasselbe: Die anderen haben angefangen, wir mussten die Heimat verteidigen, nicht auszudenken, was die uns angetan hätten, lauter Vernaderer sind das, im Krieg geschehen immer schreckliche Dinge.

Coda: Wenn wir denen (Armenier/Slowenen) auch nur einen Millimeter weit symbolisch nachgeben, steht das Land (Türkei/Kärnten) nicht mehr lang.

Man kann immer so weitermachen, mit Aufrechnungsvokabeln um sich werfen, wie der türkische Botschafter am Samstag hier in der „Presse“. Oder aber ganz anders. Etwa so wie Fethiye Cetin, Anwältin in Istanbul, die ein Buch über ihre Großmutter geschrieben hat.

Hör mir gut zu, sagte die Oma eines Tages zur Enkelin, und strich mit der Hand die Falten ihres schweren schwarzen Kleides glatt. Ich muss dir ein Geheimnis verraten. Und die Oma erzählte, stockend zuerst: Dass sie eigentlich keine Türkin ist, sondern Armenierin, und früher einmal Heranus hieß. Dass sie 1915, als Achtjährige, dabei war, als in Ostanatolien das große Morden begann. Sie erzählte, wie sie erst auf dem Dorfplatz zusammengetrieben und dann fortgescheucht wurden. Wie Entkräftete am Wegrand liegenblieben oder mit dem Bajonett erstochen wurden. Wie sie sich an der Hand ihrer Mutter festklammerte. Und wie sich plötzlich ein türkischer Gendarm hoch zu Ross vor ihnen aufpflanzte und sagte, er wolle das Mädchen mitnehmen.

Heranus klammerte und schluchzte, aber ihre Mutter stieß sie weg. Sie muss geahnt haben, dass es die einzige Überlebenschance für ihre Tochter war.

Heranus wuchs fortan als Türkin auf, gebar viele türkische Kinder und wurde als Türkin begraben. Das Geheimnis ihrer Herkunft bewahrte sie eisern, sie wollte mit ihrer Andersartigkeit niemanden gefährden. Sie behauptete steif und fest, Analphabetin zu sein, obwohl sie als Mädchen eine wunderschöne armenische Handschrift hatte. Selbst gegenüber Fethiye leugnete sie bis zuletzt, sich an ihre Muttersprache zu erinnern. Doch die Enkelin erwischte die Alte manchmal dabei, wie sie in ihrer Kammer saß und flüsternd fremdklingende Wörter memorierte.

Es muss hunderttausende Türken und Türkinnen wie Heranus gegeben haben – Armenier, die adoptiert, geheiratet, als Dienstboten verschleppt oder als Erben eingesetzt wurden. Sie haben Millionen türkische Kinder großgezogen und ihnen, wenn sie sich unbeobachtet fühlten, wohl armenische Wiegenlieder vorgesummt.

Fethiye Cetin, die Anwältin in Istanbul, spürt das Armenische in sich selbst, und sie spürt auch, wie viel Armenisches in der ganzen türkischen Gesellschaft steckt. Wenn man einen Feind bekämpft, den man in den eigenen Eingeweiden ahnt, dann wirds brutal, sagt sie.

Und was hat das alles mit Kärtnten zu tun?

 

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