Der iPod ist fünf Jahre alt. Er entlarvt unsere Angst vor der Welt.

Sibylle Hamann

Aber ja doch: Er ist sehr herzig, der Kleine. Liegt gut in der Hand, schaut super aus, schlicht, edel, funktional, intelligentes Design, alles. Man kann einem Fünfjährigen auch nicht wirklich böse sein. Schon gar nicht dafür, dass er perfekt zu uns passt.

Obwohl: Er passt vielleicht allzu perfekt zu uns. Und das macht ihn ein bisschen unheimlich.

Was im iPod steckt, ist nämlich eine große Sehnsucht. Diese Sehnsucht ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit, ziemlich sicher jedoch älter als der Walzer, der Rock’n Roll und alle digitalen Tonträger. Es ist die Sehnsucht, sich vor dem Unbekannten zu schützen, indem man das Bekannte einfach überallhin mitnimmt; die Sehnsucht, in eine warme, wabernde Blase aus Vertrautem eingehüllt zu werden, die einen nie, niemals verlässt. So treten wir also morgens aus der Haustür, auf den Gehsteig, in die Straßenbahn, ins Geschäft, und können uns sicher sein: Es wird alles sein wie immer. Mir kann nichts passieren. Ich hab meinen eigenen Soundtrack fürs Leben dabei, da muss ich nicht mit Überraschungen rechnen. Was meinen inneren Gehörgang und die Rezeptoren in meinem Gehirn erreicht, hab ich mir alles selbst ausgesucht. Ich höre nur, was mir gefällt. Garantiert.

Diese Sehnsucht ist stark, und sie ist gefährlich. Es dieselbe, die uns dazu bringt, immer nur jene Zeitung zu lesen, die genau das schreibt, was wir uns immer schon gedacht haben. Es ist die Sehnsucht der Stammtische und der Internetforen, die diesbezüglich viel gemeinsam haben: Immer dieselben Leute mit immer denselben Schmähs; wer nicht dazupasst, wird bald kapieren, dass er besser wegbleibt, dann sind wir wieder unter uns und ungestört, dankeschön.

Neigungsgruppen, Clubs von Gleichgesinnten und Hobbyvereine gab es selbstverständlich immer schon. Aber noch nie in der Menschheitsgeschichte wurde es uns so einfach gemacht, uns überhaupt nur noch mit Gleichgesinnten auszutauschen. Das Internet stellt für jede noch so verquere Spielart menschlicher Neigungen und für jede noch so obskure Meinung eine Nische bereit. Wer nicht will, muss sich tagelang nicht widersprechen lassen. Den Trafikanten braucht man längst nicht mehr, der Pizzabote lächelt stumm, und die Welt draußen ist nicht mehr als eine dekorative Fototapete.

Gut möglich, dass wir uns in dieser wabernden Blase wohlfühlen. Gescheiter werden wir dabei allerdings nicht.

Fortschritt gedeiht nämlich nicht in wohliger Wärme, sondern nur im frischen Wind der Unsicherheit. Wenn der Jäger oder die Sammlerin sich ein Stückchen weiter in den Wald hineinwagt, als die vertrauten Wege reichen; wenn die Seefahrer die Segel setzen und mal schauen, ob sie in Indien landen, wenn sie bloß lang genug fahren. Entdecken kann nur, wer das Fremde sucht. Wer diesen kleinen Moment der Angst überwindet und feststellt, dass auch jenseits der Angst etwas ist.

Gescheiter wird nur, wer sich widersprechen lässt. Die Natur hat uns mit Ohren ausgestettet, damit wir Neues hören können. Wir können den Trafikanten um Widerspruch bitten oder den Pizzaboten. Den iPod leider nicht.

 

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