Machtwechsel sind Lehrstücke. Zum Beispiel darüber: Wo Macht ist, wächst der Respekt automatisch dazu.

Sibylle Hamann

Da saßen sie einander also gegenüber, der alte und der neue Kanzler, bei Werner Mück im Studio. Und man wusste wieder, warum Augenblicke des Machtwechsels die entlarvendsten sind, die Politik zu bieten hat. Der Sieger sah nämlich aus, als sei er immer schon groß gewesen. Und der Verlierer so, als habe jeder immer schon gewusst, dass ihm die Niederlage gebührt.

Seltsam. Man möchte den Film kurz zurückspulen, weil mans nicht ganz glauben kann. War Alfred Gusenbauer nicht eben noch die tollpatschige Witzfigur, ein Apparatschik in verschwitzten weißen Leggins? Und umgab Wolfgang Schüssel nicht eben noch die Aura des unbesiegbaren Machtmenschen, des unfehlbaren Taktikers? So schnell kanns gehen. Dem Noch-Chefredakteur des ORF konnte man förmlich dabei zuschauen, wie er sich der normativen Kraft des Faktischen hingab, sich von der alten Macht ab- und der neuen zuwandte.

Die erste Grundregel der Politik ist so banal wie brutal: Wo Macht ist, wächst Aura quasi von selbst nach. Und wer die Aura hat, dem fällt der Respekt der anderen quasi von selbst zu. Schließlich galt auch Wolfgang Schüssel als der größte Tollpatsch vor dem Herrn – bis zu jenem Moment, in dem er plötzlich Kanzler war.

Das ist, jenseits unserer Parteipräferenzen, verräterisch. Es scheint, als sei in unserem Gehirn ein Schalter eingebaut, der sich immer automatisch auf Normalmodus stellt: Egal, was ist – es soll wohl so sein. Es geht wohl nicht anders. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt der Volksmund dazu.

Dieser Schalter ist, menschheitsgeschichtlich gesehen, wohl segensreich. Er erlaubt uns, Situationen zu ertragen, die eigentlich unerträglich sind. Er ermöglicht uns, unseren Kinder ein Essen zu richten, wenn rundherum die Welt in die Luft fliegt. Im Frieden hingegen, im politischen Alltag, ist dieser Schalter tückisch. Er macht uns träge und konservativ. Er macht uns zu Untertanen.

Esr hemmt unsere Vorstellungskraft, über das, was ist, hinauszudenken. Zum Beispiel: Wie schaut ein Chef aus? Ein Kanzler, ein CEO? Ein Chef, sagt unser Gehirn, heißt nicht Bülent und trägt keinen Lippenstift. Ein Chef ist, wie er immer schon ausgeschaut hat: Weiß, fünfzig, männlich, mit Krawatte und Brioni-Anzug. Nur wer dieser Schablone entspricht, tritt überhaupt ins Blickfeld; alles übrige wird schon vorher weggefiltert.

Nur so ist die dreiste Begriffstutzigkeit zu erklären, mit der Gerhard Schröder am Abend seiner Abwahl seiner siegreichen Rivalin Angela Merkel gegenüber saß: Nöö, meldete Schröders Gehirn, es sehe außer Schröder eigentlich niemanden im Raum, der Kanzler sein könne. Einen ähnlichen Geist atmeten die „Wer, wenn nicht er?“ – Plakate von Wolfgang Schüssel. Er – weil er eben schon da ist.

Jetzt ist die angeblich so tollpatschige Angela Kanzlerin, und der angeblich so tollpatschige Alfred wahrscheinlich Kanzler. Rückblickend betrachtet schaut es so aus, als hätte man beiden den Zug zur Macht immer schon angesehen. Als hätte es so kommen müssen.

Und das ist wieder das Praktische am Normalmodus-Schalter: Man gewöhnt sich an alles. Auch an das Unerhörte.

 

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