Es gibt Dinge, die man Frauen nicht verzeiht. Zum Beispiel: Dass sie Macht wollen.

Sibylle Hamann

Bald einmal wird sie die Faust in der Tasche ballen, sich ein Herz fassen, in den Lichtkegel hinaustreten und sagen müssen: Ja, ich will. Ich, Hillary Clinton, 59 Jahre alt, ehemalige First Lady und derzeit Senatorin des Bundsstaats New York, will Präsidentin der USA werden.

Seit Jahren schon wartet das Land mit Angstlust auf diesen Moment. Angstlust deswegen, weil jeder ahnt, dass sich in diesem Moment Schleusen öffnen werden. Es gibt, Massenmörder und Islamisten ausgenommen, kaum eine Person in Amerika, die ähnlich intensiv gehasst wird wie Hillary Clinton. In einer Person vereint sie alles, was für die religiös-konservative Hälfte des Landes des Teufels ist: Die Achtundsechziger, die Frauenrechtsbewegung, den Berufsstand der Anwälte, New York. Womöglich hat sie sogar einmal Marihuana geraucht. Sie verkörpert damit jene Krankheit, an dem das wehrhafte, gottesfürchtige Amerika elendiglich zugrunde gehen wird, wenn es sich nicht mit letzter Kraft aufbäumt.

Was soll man innerhalb dieser Koordinaten noch groß über Inhalte diskutieren? Über ihr einstiges Scheitern an der Gesundheitsreform, ihre halbherzige Irak-Politik, ihre Ideen zum Jugendschutz? Es hilft nichts, dass sich Clinton seit Jahren bescheiden und versöhnlich gibt. Dass sie Kekse buk, um ihre Häuslichkeit zu beweisen; dass sie sich neuerdings leidenschaftlich für Militärstrategie interessiert; dass sie konzentriert zuhört, wenn Milchbauern über den Milchpreisverfall klagen; dass sie im Senat fromm am Gebetskreis teilnimmt. Es ist, am Ende des Tages, völlig gleichgültig, WAS diese Frau tut. Ihre schiere Existenz ist eine Anmaßung.

Hillary Clinton verheimlicht nämlich nicht, dass sie sich für intelligenter hält als die meisten Männer in ihrer Umgebung. Sie belässt es nicht beim Gelobt- und Bewundertwerden. Nein, sie will, horribile dictu, die Macht.

So etwas wird fast immer bestraft, bei Clinton ebenso wie bei Angela Merkel oder Segolene Royal. In aufgeklärten Demokratien, die sich die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahnen schreiben, geht das Bestrafen allerdings subtil.

Es geht so: Wenn Hillary oder Angela Ehrgeiz zeigen, sind sie unweiblich, verhärmt (und wahrscheinlich beziehungsmäßig frustriert, denn sonst hätten sies ja gar nicht nötig). Zeigen sie hingegen zu wenig Ehrgeiz, sind sie typisch Frau – die kneifen nämlich immer, wenns ernst wird. Ist Hillary/Angela nüchtern und zielstrebig, fehlt ihr, typisch weiblich, die Vision. Trägt sie die große Vision vor, ist sie, typisch weiblich, ganz herzig, aber halt ein bisserl weltfremd. Zeigt Hillary/Angela Gefühl, ist sie hysterisch; zeigt sie kein Gefühl, ist sie ein eiskalter Engel. Umgibt sie sich mit Männern, ist sie eine stutenbissige Bienenkönigin (ja, beides gleichzeitig). Umgibt sie sich mit Frauen, dann ist sie entweder, eh klar, lesbisch – oder eine Zicke, die nicht mal einen gepflegten Männerschmäh versteht.

Eigentlich unmöglich, dass Hillary Clinton unter diesen Umständen die mächtigste Frau der Welt wird. Aber andererseits: Sagt man Frauen nicht auch einen gewisse Unberechenbarkeit nach?

 

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