Was man aus der Filmsatire „Borat“ über die Mediengesellschaft lernen kann

Sibylle Hamann

Wenn in einer New Yorker U-Bahn ein Huhn schnatternd aus einem Koffer entwischt und sein schnauzbärtiger Besitzer eilfertig versucht, es wieder einzufangen – dann ist das zwar recht simpler Slapstick, aber sehr lustig.

Wenn derselbe Mann, irgendwo in den amerikanischen Südstaaten, mit einem vollen Plastiksackerl in der Hand an den Tisch seiner Gastgeber tritt, um höflich zu fragen, wo er seinen Kot entsorgen dürfe, ebenfalls.

Und wenn Borat, der angebliche Reporter aus Kasachstan, sein angebliches Heimatdorf vorstellt – die Kuh im Wohnzimmer, die Maschinengewehre im Kindergarten – und seine Schwester als fünftbeste Prostituierte des Landes anpreist, dann ist das zwar böse. Aber lustig trotzdem.

Hunderttausende lachen derzeit weltweit über den britischen Satiriker Sasha Baron Cohen und dessen Film „Borat“. Gleichzeitig wächst jeden Tag die Zahl jener, die dem Filmemacher bitter böse sind. Als erstes wehrte sich Kasachsten, in eher hilfloser Diplomatenmanier, dagegen, als Heimat dumpf-dummer Vergewaltiger, Judenjäger und Pferdeurintrinker dargestellt zu werden. Dann liefen Barons Opfer in Amerika Sturm und schickten ihre Anwälte los – man habe sie unter irreführenden Vorwänden vor die Kamera gelockt, und gebe sie nun der Lächerlichkeit preis.

Zuletzt wurde sich das rumänische Dorf Glod bewusst, in seiner Ehre beleidigt worden zu sein. Glod, eine armselige Roma-Siedlung in den Bergen, war auserkoren, im Film Kasachstan darzustellen. Die Bewohner wurden – so, wie sie waren: einarmig, zahnlos, schmuddelig – als Laiendarsteller engagiert und mit Tageshonoraren von etwa fünf Euro abgespeist. Sie hätten, sagen sie heute, nicht gewusst, worauf sie sich einlassen. Jetzt fühlen sie sich ausgebeutet und verarscht.

Wer ein bisschen Gerechtigkeitssinn hat und trotzdem kein Spaßverderber sein will, ist da jetzt hin- und hergerissen. Selbstverständlich darf Satire fast alles, und Satire, die keinen aufregt, ist so überflüssig wie ein Kropf. Aber macht es nicht einen Unterschied, ob Satire die Mächtigen aufs Korn nimmt oder die Underdogs? Wer sich über die amerikanischen Herrenmenschenallüren lustig macht, trifft sicher nicht die falschen. Doch wer die Karikatur des wilden, primitiven Ostmenschen zeichnet, rennt bei vorurteilsbeladenen Westeuropäern offene Türen ein – so riesig wie ein Scheunentor. Und wie cool oder subversiv ist die Erniedrigung real existierender Roma?

Interessant ist allerdings, was all die Opfer Borats verbindet – die Rednecks beim Rodeo, die Feministinnen in New York, die besoffenen Collegeboys und die zahnlosen Zigeuner in ihren ausgebeulten Jogginganzügen: Dass sie schlagartig alle Vernunft und jedes Schamgefühl ausschalteten, sobald eine Fernsehkamera auf sie gerichtet war. Fast scheint es sich um ein Naturgesetz zu handeln, das alle Klassen- und Kulturschranken überwindet: Sobald das Fernsehen da ist, hungrig nach Stoff und nach Geschichten, lässt beinahe jeder bereitwillig die Hosen runter und alle Vorsicht fahren. Peinlich ist dann gar nichts mehr.

Danke, Borat, dass du uns daran erinnert hast.

 

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