Sie sind grau und staubig. Aber sie demokratiepolitisch sind unsere besten Freunde.

Sibylle Hamann

Akten. Wer das Wort hört, spürt schon den Staub rieseln. Akten sind nicht sexy. Sie liegen in Hängeregistraturen, deren undefinierbare Farbe zwischen grau und braun changiert. Ihr gehäuftes Vorkommen korreliert, Ton in Ton, mit Ärmelschonern und den sogenannten Staubmänteln (wer hat die eigentlich erfunden, und zu welchem Zweck?). Mit Akten, behauptet das Klischee, umgibt sich nur gern, wer vor Menschen Angst hat. Wer in die Archivabteilung eines Amts verbannt wird, war im Parteienverkehr wohl sozial nicht zumutbar. Und sollte im Fernsehkrimi mal ein Archivar vorkommen, ist er ziemlich sicher Träger schauriger Geheimnisse oder wird gleich als perverser Mörder entlarvt.

Kein Wunder bei diesem verheerenden Image, dass Akten nicht viele glamouröse Freunde haben. Schon gar nicht unter Politikern, die stolz darauf sind, vom „Apparat“ und der „Bürokratie“ (noch zwei Worte, die dem „Staubmantel“ im Sexappeal nahe kommen) demonstrativ auf Distanz zu bleiben.

Wenn so ein Politiker Politik macht, wird wahrscheinlich kein Protokoll geführt und kein Akt angelegt. Da heißt es wahrscheinlich einfach: Gemma. Geht scho. Mach ma. Scheiß dich nix. Da geht man wohl ins Fabio’s, trinkt ein paar Achterln, schaut den Mäderln auf den Popo, plaudert über den Yachtausflug mit Pipsi oder die Vernissage bei Mausi. Einigt sich geschäftlich per Handschlag. Und macht, im Abgang, vielleicht noch ein paar abfällige Schmähs über den Sektionschef und den Dienstweg.

Aber der Dienstweg rächt sich. Und die Akten sinnen auf den Moment, in dem sie alle Demütigungen zurückzahlen können. Die derzeit tagenden parlamentarischen Untersuchungsausschüsse sind dafür eine prächtige Illustration.

Lehrreich sind sie obendrein. „Geht scho“ und „mach ma“ mag nämlich lässig klingen – Demokratie ist es nicht. Im Gegenteil. „Geht scho“ sagt der Stammeshäuptling, der seinen Untertanen gibt und nimmt, wie es ihm grad gefällt. „Mach ma“ sagt der Bauunternehmer in Berg-Karabach, der weiß, dass alle Beamten auf seiner Gehaltsliste stehen. „Scheiß dich nix“ bedeutet, dass einer meint, keinem Richter, keinem Parlament und keiner Öffentlichkeit je Rechenschaft schuldig zu sein. Weil er die Macht hat.

Dienstweg hingegen heißt: Es gibt Regeln für Entscheidungen. Die gelten für alle, egal wie lässig einer ist. Und nachträglich kann man nachschauen, ob sie auch eingehalten wurden.

Es ist beinahe lustig zu beobachten, wie hartnäckig die Akten dieses Prinzip über all die Jahre hinweg verteidigen. Sie verschanzten sich trotzig zwischen ihren Aktendeckeln. Sie weigerten sich hartnäckig zu verschwinden, auch wenn sie von allerhöchster Stelle mehrfach dazu aufgefordert wurden. Wie Kletten klebten sie sich an ihren Dienstweg, notfalls auch in Duplikaten. Ihr Eingangs- und Ausgangsstempel ist unerbittlich, und wenn es gelingt, ein einzelnes Briefchen irgendwo unter den Tisch fallen zu lassen, dann hinterlässt es im Konvolut garantiert noch irgendwo eine kleine Spur.

Minister Grasser wird die Männer in den Staubmänteln verfluchen, wenn er in diesen Tagen beim Fabio sitzt.

 

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