Im Deckchair und in der Hängematte
Die Welt wäre so viel einfacher, wenn immer nur die Tüchtigen Erfolg hätten.
Sibylle Hamann
726 Euro sind nicht sehr viel. Essen gehen, einmal die Woche Putzfrau, ein Strafmandat, Yoga, Zahnarzt, Tanzkurs fürs Kind, ein Paar Schuhe im Ausverkauf – und schon ist nix mehr übrig.
726 Euro sind andererseits sehr viel. Dafür muss eine Babysitterin oder Altenpflegerin hundert Stunden lang arbeiten. 726 Euro machen einen großen Unterschied für jemanden, der jedesmal zusammenzuckt, wenn die Gasrechnung im Postkastl liegt.
Jene hingegen, die nie zusammenzucken, weil sie das Zusammenzucken nicht nötig haben, nennen die 726 Euro im Monat neuerdings gern “soziale Hängematte”.
Es gibt selbstverständlich ein paar ernstzunehmende Einwände gegen eine staatliche Grundsicherung, und manche Menschen hätten dazu Interessantes zu sagen. Mira M. zum Beispiel, die Gemüsefrau am Karmelitermarkt. Jeden Tag, bevor die Sonne aufgeht, fährt sie zum Großgrünmarkt nach Inzersdorf, steht anschließend neun Stunden lang mit Wollfäustlingen zwischen Kraut, Rüben und Birnen am Marktstand, und kann nur hoffen, dass ihre Kinder, zwei prachtvolle Teenager, in der Zwischenzeit allein zurechtkommen. Es ist nicht viel Platz daheim, 40 Quadratmeter zu viert, und damit sich alles irgendwie ausgeht, hat Mira auch noch einen Hausbesorgerjob angenommen, für abends und am Wochenende. Mira jammert nicht, im Gegenteil: Sie ist stolz, dass es Sohn und Tochter, trotz serbischen Nachnamens, aufs Gymnasium geschafft haben. Wenn sie bloß ein bisschen mehr Zeit hätte, sich in den Supermärkten nach Sonderangeboten umzuschauen, könnte sie viel Geld sparen, sagt sie. Aber Zeit hat sie halt nie.
Was Mira denken würde, wenn ihr arbeitsloser, nicht sehr strebsamer Nachbar fürs Rund-um-die-Uhr-Fernschauen nur unwesentlich weniger Geld bekäme als sie mit Rund-um-die-Uhr-Schuften verdient? Ob sie dafür das Wort “soziale Hängematte” verwenden würde? (Eher nein). Ob sie sich dann auch aufs Fernschauen verlegen würde? (Ziemlich sicher: nein). Das zu erfahren wäre jedenfalls wertvoll.
Entbehrlich ist es allerdings, wenn Leute mit angewiderter Miene vor der “Hängematte” warnen, die selbst drin liegen. Nur halt in einem anderen, schickeren Modell. Man kann es auch Deckchair nennen. Der ist aus Teakholz, steht auf der Sonnenterrasse des Schiffs, und wenn man mit den Fingern schnippt, werden dort sogar Drinks serviert.
Angehörige folgender Bevölkerungsgruppen seien zur pietätvollen Nichtteilnahme an der Debatte um die 726 Euro ersucht: Reiche Erben, hauptberufliche Gattinnen, hauptberufliche Söhne, weiße Elefanten, Lottogewinner. All jene, die von Tante Fifi das Aktiendepot oder vom Wahlonkel das Bären- oder sonst ein Tal samt Mischwald überschrieben bekommen haben. Alle, die dem Papa, der Partei oder dem richtigen Haberer einen unkündbaren Posten verdanken, der eigens für sie geschaffen wurde, und der ihnen für ein kleines bisserl Arbeit ein stolzes Gehalt und anschließend eine prächtige Pension am Golfplatz beschert.
An alle, die einfach sehr viel Glück hatten und im Nachhinein frech verkünden, es sei alles im Leben bloß eine Frage der eigenen Leistungsbereitschaft: Still sein. Bitte.
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