Welchen Wert hat Arbeit? Zum Beispiel jene von Kindergärtnerinnen?

Sibylle Hamann

Es soll also ein Vorschuljahr für alle geben. Oder ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr. Ist eigentlich das gleiche, wurscht, wie mans nennt, und selbstverständlich eine prima Idee. Nicht ganz neu zwar. Aber loben wir die Koalitionsverhandler einfach mal. Und nehmen es zum Anlass, uns ein paar Seltsamkeiten aus der Welt der Kleinkinderpädagogik anzuschauen.

Erstens: Warum klingt „Kinderbetreuung“ immer so penetrant nach Aufbewahrung? Wohl weil damit eine Botschaft transportiert werden soll: Eigentlich ist Mama 24 Stunden am Tag unersetzlich, und der Kindergarten bloß eine Notlösung, eine Art Garderobehaken, an dem Mama die Kinder befestigt, wenn sie kurz unpässlich ist. Das ist natürlich Unsinn. Ein guter Kindergarten ist eine essenziell wichtige Bildungseinrichtung, in der Kinder voneinander, miteinander tausend Dinge lernen, die Mama allein ihnen gar nicht bieten kann (früher, in der Großfamilie, wo 15 Kinder am Hof herumwuselten, mag das anders gewesen sein. Oder sekkierten sie einander da mit den Heugabeln?).

Zweitens: Die Anerkennung, die Kindergärnterinnen bekommen, ist beschämend niedrig. Warum? Normalerweise bringen wir Menschen, die komplexe, nervenzerfetzende, riskante Aufgaben übernehmen, die wir uns selbst nicht zutrauen, riesig viel Respekt entgegen. 20 Kinder auf einem Haufen sind ein hochkomplexes Soziotop, in dem Großartiges entstehen und höllisch viel schiefgehen kann. Das gelassen, kompetent, weitblickend zu steuern und alle bei Laune zu halten heißt, bei Managern, „Führungsverantwortung“, für die sie fürstlich entlohnt werden. Kindergärtnerinnen mit Gehältern von 1100 oder 1400 Euro abzuspeisen, ist hingegen blanker Hohn. (Gegenprobe für Manager, die widersprechen: Probieren Sies doch einfach mal!)

Drittens: Wieso genießt der Hochschulprofessor eigentlich soviel mehr Status als die Kindergärtnerin? Weil es soviel schwieriger ist, Studenten etwas beizubringen, als Kindern im Trotzalter? Gegenprobe auch für die Professoren: Probieren Sies! Es könnte, so der böse Verdacht, einfach nur dran liegen, dass erstere zu 90% Männer und letztere zu 95% Frauen sind (was, nebenbei bemerkt, weder den Unis noch den Kindergärten gut tut).

Viertens: Warum bekommen Kindergärnterinnen, der Komplexität ihrer Aufgabe gemäß, eigentlich keine akademische Ausbildung? Nirgendwo in Europa sind die Zugangsvoraussetzungen für den Beruf niedriger als in Deutschland und Österreich; in Skandinavien und Frankreich ist ein Universitätsdiplom selbstverständlich. Nur bei uns herrscht landläufig die Annahme, man müsse bloß Kinder mögen, Naseputzen und „ein bisserl spielen“.

Selbstverständlich ist Bildung für 3jährige gesellschaftlich ebenso wichtig wie Bildung für 13jährige, und sollte daher von uns allen (also vom Staat) bezahlt werden. Was bloß, fünftens, das Paradox noch nicht löst, warum es Leute gibt, die für den Garagenplatz ihres Autos bereitwillig 150 Euro im Monat zahlen, und sich gleichzeitig darüber aufregen, wenn der Kindergarten genausoviel kostet.

Wo doch das Auto, wenn mans abholt, nicht mal einen geputzten Spoiler hat.

 

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