Je einsprachiger Kärnten wird, desto eifriger lernen die Kärnter slowenisch.

Sibylle Hamann

Zum Thema Kärnten gibt es nichts mehr zu sagen. Das Wort „Ortstafeln“ mag keiner mehr hören. Die Kärnter nicht, die Nicht-Kärtner nicht, die Verfassungsrichter schon gar nicht. Was man eventuell gerade noch kann: Eine kleine Geschichte aus dem Kärntner Alltag weitererzählen. Vielleicht kennt sie der Landeshauptmann noch nicht, dann wirds Zeit, dass er sie hört. Oder aber, und das ist wahrscheinlicher: Er kennt sie, und ist genau deswegen so böse.

Die Geschichte kommt von einem Kärnter Slowenen, Akademiker, Vater zweier Kinder und Bankdirektor in Ljubljana. Sie spielt in seiner Unterkärntner Heimatgemeinde. Eltern können in der örtlichen Volksschule die Kinder zum zweisprachigen Unterricht anmelden. Solange es nur wenige Anmeldungen gab, wurden alle Kinder in derselben Klasse unterrichtet. Heuer waren es so viele, dass die Teilungszahl erreicht wurde. Es gibt also zwei Klassen: eine einsprachig, eine gemischt.

Das ist einigen Eltern jetzt aber gar nicht recht; und zwar den nur-deutschsprachigen. Die hatten nämlich gehofft, dass ihre Kinder, so nebenher quasi, irgendwie mithören und ein bisserl was Slowenisches aufschnappen im Unterricht. Weil: Schaden kann eine zweite Sprache natürlich nicht. Aber offen zugeben darf man das nie und nimmer. Und das Kind zum Slowenischunterricht anmelden? Um Himmels willen! Damit würde man ja Ljubljana eine Freude machen, den Wienern, den Partisanen, den Verfassungsrichtern; damit würde man die Heimat verraten oder den Jörg oder den Opa, der sich sein Lebtag so viel Mühe gegeben hat, seine slowenische Abstammung zu verleugnen.

Allerdings: Wie kommt das eigentlich, dass es neuerdings immer mehr Slowenenkinder gibt, wo sich Kärnten doch so anstrengt, endlich richtig deutsch zu werden? Der zweisprachige Unterricht in seinem Dorf werde jedes Jahr beliebter, erzählt der Bankdirektor, aber in der Klasse seines Sohnes bringt nur noch ein Drittel der Kinder überhaupt Slowenischkenntnisse von zu Hause mit. Nein, das sind gar keine Slowenen. Das ist auch kein rätselhafter Babyboom. Das sind einfach deutschkärntner Eltern, die Weitblick haben, ambitioniert sind, die wissen, dass Mehrsprachigkeit ein riesiger Vorteil ist, und die für ihre Kinder das beste wollen.

(Jörg Haider hat von diesen Landsleuten offenbar schon gehört. „Kunstslowenen“ nennt er sie wütend, die braucht er nicht in Kärnten. „Wir wollen richtige Slowenen“, sagt er. Wird er als nächstes einen Abstammungsnachweis fordern?)

In Kärnten ist, so scheint es, Großes geschehen. Jahrzehntelang war deutsch die Sprache der Oberschicht, und slowenisch die Sprache der Knechte und Kleinbauern. Slowenisch war etwas, für das man sich genierte, das man verbarg, das man verleugnen musste, wenn man gesellschaftlich aufstieg. Nach 18 Jahren Jörg Haider hat sich diese Hierarchie umgedreht. Wer sich selbst genügt, dem genügt deutsch. Wer etwas werden will, schaut drauf, dass er slowenisch lernt. Die Zweisprachigkeit ist das Erkennungsmerkmal der intellektuellen Elite geworden, und die Basis für viele Karrieren im neuen Europa.

Was da noch zu sagen bleibt: Danke, Jörg!

 

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