Serbien ist so eng wie nie. Das ist nicht gut, weder für die Serben noch für uns.

Sibylle Hamann

Es gibt eine Eigenart, die Amerikaner und Serben gemeinsam haben: Ein großer Teil der Bevölkerung besitzt keinen Reisepass. Bei ersteren liegt das daran, dass man recht weit fahren kann, bevor man überhaupt auf eine Staatsgrenze stößt; und daran, dass viele Amerikaner der Überzeugung sind, es gebe gar nicht viel Anlass, irgendwo hinzufahren, weil sowieso die ganze Welt bloß sein will wie Amerika.

Bei den Serben hat es andere Gründe. Erstens: dass wenige das Geld haben, das man zum Reisen braucht. Zweitens: dass wenige die Visa bekommen, die man zum Reisen braucht. Drittens, und das hängt mit 1. und 2. zusammen: Dass sich die Mehrheit der Serben mittlerweile wohlig und ausdauernd im Selbstbild suhlt, vom Ausland ohnehin bloß gehasst und betrogen zu werden.

Die Jugoslawen der 70er und 80erjahre, jene Generation, die wir als klassische „Gastarbeiter“ und vom Adria-Urlaub kennen, bewegten sich recht unbehindert in Europa umher, auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Hier Geld verdienen, dort ein Häuschen bauen, an der Schwarzmeerküste baden – alles keine große Sache. Ihre Kinder hingegen kennen solche Freizügigkeit nur vom Hörensagen. Sie gingen während der allerschlimmsten nationalistischen Hetze in die Schule, dann kamen die Kriege, dann die Kriegsverbrechen, dann Niederlagen, dann noch mehr Niederlagen, dann die Flüchtlinge und der wirtschaftliche Zusammenbruch und das Kriegsverbrechertribunal.

Der Kampf um Großserbien machte Serbien klein wie nie. Es liegt nicht mal am Meer. Die Adria ist Kroatien, die Berge sind Montenegro. Demnächst ist auch der Kosovo weg.

Man muss sich im Detail vorzustellen versuchen, was eine derart radikale Welt-Schrumpfung in der Psyche junger Menschen anrichtet. Das Land, in dem sie leben, schwimmt in einer Suppe aus romantischer Vergangenheitsverklärung, Selbstmitleid und Weltverschwörungstheorien. 70 Prozent der serbischen Studierenden waren noch nie in ihrem Leben im Ausland. Bulgarien war, neben Kroatien und Bosnien, bisher der einzige Nachbarstaat, der Serben ohne Visum einreisen ließ. Seit Bulgarien bei der EU ist, wird sich das ändern. Ungarn und Rumänien haben die Grenzen schon länger dicht gemacht.

Den Westen kennen junge Serben heute bloß in Gestalt der NATO, die über ihren Köpfen Bomben abwarf, und aus den Hochglanzillustrierten.

Die Warteschlangen vor den westlichen Konsulaten sind zwar „länger als jene vor den Tankstellen während des Kriegs“, berichtet die Journalistin Duska Anastasijevic. Doch das Anstehen ist nicht nur ein demütigendes, sondern oft auch vergebliches Ritual. Eine Serbin, die z.B. ihre Tante in Österreich besuchen will, muss inzwischen 16 Dokumente beibringen, vom Nachweis einer (österreichischen) Kranken- und Unfallversicherung mit einer Deckungssumme von mindestens 30.000 Euro, bis hin zum notariell beglaubigten Einkommensnachweis der Tante und dem Grundbuchsauszug für deren Wohnung.

So bleibt der Westen, allzu oft, gleichbedeutend mit Bomben und Illustrierten. Und es wachsen Frust, Apathie und Scheißdrauf.

Wir sollten überlegen, ob uns das was bringt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.