Willkommen daheim
Mehrere Millionen Roma leben in Rumänien und Bulgarien. Jetzt gehören sie zu uns.
Sibylle Hamann
Seit zwei Tagen haben wir also einen Haufen neue EU-Bürger. Das sind Rumänen und Bulgaren, sind als solche zählbar, gehen in die europäische Bürgerstatistik ein, bekommen jeweils einen Kommissar in Brüssel, und Rumänisch und Bulgarisch sind seit zwei Tagen Amtssprachen der EU. Das schafft, bei 20 bisherigen Sprachen, 41 zusätzliche spannende Betätigungsfelder für die EU-Dolmetscher.
(Ebenso seit 1. Januar Amtssprache ist übrigens das Gälische, das in Irland nur von 130.000 Menschen beherrscht, von diesen aber umso hingebungsvoller gehegt wird. Gut so, denn Vielfalt ist – so umständlich sie manchmal sein mag – ein Wert an sich.)
Viele der neuen Europäer sind jedoch weder Rumänen noch Bulgaren, sondern Roma. Oder, wie sie dort ganz selbstverständlich genannt werden: Zigeuner. Dass niemand annähernd genau sagen kann, wie viele es eigentlich sind, ist schon Teil des Themas. Nur ein paar hunderttausend deklarieren sich bei Volkszählungen, aber es sollen zweieinhalb bis vier Millionen sein; ihre Zahl in der EU wächst damit auf viereinhalb bis sechs Millionen. Das ist so viel wie die Bevölkerung eines mittelgroßen Mitgliedslands, von Dänemark, der Slowakei oder Finnland.
Amtssprache wird das Romanes jedoch nicht. Ebensowenig wie es einen EU-Kommissar geben wird, der Rom ist. Selbstverständlich nicht, ist man verleitet zu sagen. Warum eigentlich?
Wenn Sie wissen wollen, wie die Zigeuner Südosteuropas leben – nichts leichter als das. Entweder Sie bleiben auf dem Sofa sitzen und lesen Karl-Markus Gauß. Oder Sie setzen sich ins Auto, fahren los, halten die Augen offen (empfiehlt sich beim Autofahren ohnehin) und schauen ab und zu nach rechts und links. Sie können gar nicht anders, Sie werden sie entdecken: in sicherem Abstand vom Dorfrand; hinter der Böschung der Autobahnabfahrt; auf einem verwaisten Fabriksgelände; oder einfach in einer Gatschmulde. Meistens weisen Ihnen die Gerippe ausgeweideter Fahrzeuge oder Haufen verrosteter Elektrogeräte den Weg. Wenn es heiß ist, werden Sie den Unrat riechen (wer soll den Müll auch abholen?), die offenen Latrinen, den Rauch der offenen Feuer. Sie werden ziemlich schnell zum spontanen Urteil kommen: So etwas darf nicht sein. Nicht in Europa. Es ist eine Schande.
Mit dieser Erkenntnis geht jeder unterschiedlich um. Peter Westenthaler würde sich wohl Deportationsphantasien hingeben: bloß weg mit ihnen, mit dem Bus, mit der Bahn (und wäre damit nicht der erste). Bewohner der betroffenen Ortschaften rücken gern mit Ziegelsteinen an und bauen Mauern (Zäune reichen nicht, weil es ja auch um den Anblick geht, den man nicht erträgt). Lokalpolitiker nutzen den satten Fundus an Ängsten und Ressentiments, um Wahlen zu gewinnen. EU-Beobachter und Problembeauftragte aller Art schütteln sorgenvoll den Kopf, rufen das “Jahrzehnt der Roma-Beteiligung” aus, und geben Geld für neue Gettos, diesmal jedoch mit Kanalanschluss.
Es ändert alles nichts am Grundproblem: Dass die Zigeuner stets “die Anderen” bleiben, das irgendwie Fremde. Das ist Selbstbetrug. All das ist Europa. Es gehört zu uns.
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