Kärnten erprobt die Gesamtschule. Das ist spannend. Und wohl nur möglich, weil Kärnten ÖVP-freie Zone ist.

Sibylle Hamann

Sobald die ÖVP „Schule“ sagt, sprüht sie Nebel. Sprechen wir doch einmal, im Sinn einer ehrlichen Debatte, ein paar Wahrheiten aus.

Erstens: Die Trennung zwischen Hauptschule und Gymnasium hat nichts mit „Differenzierung“ oder „Vielfalt“ zu tun. Sie schnitzt, im Gegenteil, Kinder sehr undifferenziert für jenen Platz zurecht, der ihnen ständisch zugedacht ist. Derber formuliert: Fanny aus der Dachmaisonette und Dragan aus dem Souterrain haben zwar im Hof miteinander gespielt, als sie fünf waren. Mit neuneinhalb wird die Zauberhand der Schulselektion jedoch dafür sorgen, dass nur ja nichts durcheinander kommt.

Zweitens: Das städtische Gymnasium dient inzwischen dem Hauptzweck, die Mittelschicht physisch von Unterschichtenproblemen fernzuhalten. Wie sonst ist erklärbar, dass in AHS-Unterstufe und Hauptschule der identische Lehrplan gilt? Wenn Dragan und Fanny, zumindest theoretisch, dasselbe lernen sollen, bleibt als Rechtfertigung für getrennte Schulgebäude bloß, dass sie am Pausenhof nicht aneinander anstreifen sollen.

Das spiegelt sich, drittens, in der seltsam rigiden Ábgrenzung der Gymnasial- von den Pflichtschullehrern wider. Bürgerkinder sollen, so die Idee, von „echten“ Akademikern unterrichtet werden, die sich, damit es noch besser klingt, gar Professoren nennen dürfen. Aber ist es nicht eigentlich viel fordernder, an einer sogenannten „Problemhauptschule“ zu unterrichten? Und sollten Lehrer für diese Leistung nicht sogar besser ausgebildet und bezahlt werden als an einem braven Vorstadtgymnasium?

Viertens: Darum, wie dumm oder gescheit Kinder sind, geht es im zweigleisigen Schulsystem am allerwenigsten. Das System nützt dummen Kindern ehrgeiziger Eltern, und schadet intelligenten Kindern aus dumpfen Verhältnissen. Fannys Eltern werden viele Wege finden, einen Zweier im Semesterzeignis ihrer Neunjährigen zu verhindern. Dragan hingegen hat in dreieinhalb Jahren Volksschule kaum Zeit, den Vorsprung aufzuholen, den Fanny von daheim mitbringt. Das Engagement von Fannys Eltern ist selbstverständlich lobenswert. Aber ist Schulpolitik da, um Eltern zu belohnen?

Verstärkt wird diese schiefe Ebene, fünftens, durch die Halbtagsschule. Könnte Dragan, statt ziellos um den Häuserblock zu streifen, am Nachmittag ähnliches tun wie Fanny (Theater und Gitarre, Englisch und kreatives Malen), könnte er eher gleichziehen. Um genau das zu verhindern, verhindert die ÖVP auch die Ganztagsschule.

Wolfgang Schüssel hat all diese Paradoxa auf den Punkt gebracht, als er einmal zugab, in seinem Heimatbezirk Hietzing sei das Gymnasium ohnehin längst eine Art Gesamtschule. Richtig beobachtet. Und zwar genau aus den genannten Gründen: Weil es im Nobelbezirk eben, aufgrund der Wohnungspreise, kaum Proletenkinder gibt. An einem lokalen Gen oder an der guten Luft, die die Hietzinger Kinder überdurchschnittlich intelligent macht, wird es kaum liegen.

Nicht, dass man über Kärnten in letzter Zeit viel Gutes hätte sagen können. Bei einer Schulpolitik, die das ständische Denken ablegt, ergibt sich aber vielleicht mal eine Gelegenheit.

 

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