Demokratie in Nigeria heißt, dass Geld aus Fenstern geworfen wird.

Von Sibylle Hamann

Segolene Royal und Nicolas Sarkozy bestreiten dieser Tage die letzten Kundgebungen ihrer Wahlkämpfe. Wir können annehmen, dass dabei keine Euroscheine über die Champs Elysees fliegen. Gleichzeitig mit Frankreich finden, am kommenden Wochenende, allerdings auch Wahlen in Nigeria statt. Wären die Franzosen Nigerianer, würden sie jetzt die Ohren spitzen, ob sich mit Lautsprechergekrächze irgendwo in der Nachbarschaft ein Kandidatenauto ankündigt. Und dann im Laufschritt daneben herlaufen, um so viel wie möglich von dem Geld zu erhaschen, das die Wahlkampfhelfer mit vollen Händen aus den Fenstern werfen.

Wahlen in Nigeria sind so, dass man sie eigentlich sofort in die Klischeekiste stecken kann, Abteilung hoffnungslose Fälle: Von demokratischer Willensbildung keine Spur, stattdessen korrupter Stimmmenkauf. Ich schenk dir was, du wählst mich, ich schenk dir wieder was.

Dieses vernichtende Urteil ist einerseits richtig. Andererseits greift es zu kurz. Denn es lässt unter den Tisch fallen, was Korruption in Afrika eigentlich bedeutet, warum sie als völlig normal empfunden wird – und deswegen so schrecklich schwer auzurotten ist.

Es ist eine Tatsache, dass afrikanische Machthaber ihre Macht fast immer dazu nützen, ihre erweiterte Familie, ihre Heimatregion, ihre Ethnie zu versorgen. Das ist nach unseren Vorstellungen von Moral und Demokratie schwer verwerflich (obwohl es selbstverständlich ebenfalls vorkommt). Nach den Regeln der afrikanischen Clangesellschaft hingegen ist die Versorgung der eigenen Leute kein Sündenfall, sondern – im Gegenteil – oberste soziale Pflicht. Der Clan ist nämlich das einzige Versicherungssystem, das existiert. Indem man das, was man hat, stets an Verwandte und Verbündete verteilt, erkauft man sich die Hoffnung, dass einem im Krisenfall unter die Arme gegriffen wird.

Macht ein Nigerianer also einen Lottogewinn, lernt er einen reichen Ausländer kennen, findet er eine Goldader, einen Dienstbotenjob oder sonst eine Geldquelle, dann freut sich, durchaus eigennützig, sein ganzes Solidaritätsnetzwerk mit ihm. Ein Grenzbeamter, der für das Abstempeln eines Reisepasses stets ein paar Dollarnoten entgegennimmt, versorgt damit Dutzende Menschen daheim im Dorf. Er hebt praktisch, anstelle des Staates, eine Gebühr ein und verteilt sie gemäß seinem privaten Sozialversicherungsschlüssel. Dabei handelt er höchst rational, ohne einen Anflug von Unrechtsbewusstsein. Denn der Staat existiert aus seiner Sicht kaum. Er macht in seinem Leben keinen Unterschied. Er bietet weder Bildung noch Sicherheit, weder Gerechtigkeit noch Altersvorsorge. Das können nur die Verwandten.

So kommt es, dass der westliche Ausländer, der sich an der Passkontrolle über die ungenierte Korruption echauffiert, eher ratlos angeschaut wird. Ebenso der Fremde, der über die Verluderung der demokratischen Sitten schimpft. Nepotimus? Klientelpolitik? Entrüstet wäre ein gelernter Afrikaner eher im umgekehrten Fall: Jemand gelangt an Macht, an Geld und versorgt seine Leute NICHT – es wäre Verrat, unverzeihlich, unverständlich.

Kommt aber eh nicht oft vor.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.