Was der bizarre Kriegsfilm „300“ über den psychischen Zustand Amerikas verrät

Sibylle Hamann

Wenn Spartaner kämpfen gehen, achten sie darauf, dass die Brust frisch rasiert ist und die strammen Sixpacks glänzen. Ein Gedanke an die treue Ehefrau daheim im wogenden Kornfeld spendet Kraft. Dann der Kampfschrei, und wummzack auf ins Gemetzel. Hier rammt sich ein Speer ins Gedärm, durchtrennt ein Säbel Sehnen, dort fliegt ein loser Kopf. Das Blut spritzt in Zeitlupe.

Nein, „300“ ist kein Film, den man zur ästhetischen Erbauung gesehen haben muss. Über die Schlacht an den Thermopylen, 480 v. Chr., bei der sich 300 Spartaner dem persischen Heer entgegenstellten, bringt er keine neuen Erkenntnisse. Der Film ist ein Comicstrip, der in der Beiläufigkeit, mit der Feinde weggemacht werden, eher an ein Computerspiel erinnert. Interessant ist allerdings, was er bei jenen auslöst, die sich als Erben der Protagonisten fühlen – im Iran und in den USA.

Teheran, wo „300“ sofort in Raupkopien bei fliegenden Händlern erhältlich war, ist empört. Das überrascht nicht. Denn die Perser im Fim sind ein seltsamer Haufen: Gepiercte Transsexuelle kämpfen da Seite an Seite mit gepiercten Nashörnen, im Zelt des Herrschers wälzen sich laszive Lesben und Krüppel, wenn sie nicht grad entrückt an der Wasserpfeife saugen. Es ist der perverse, kranke Orient, wie er im großen Buch der Klischees steht. Eine „Beleidigung“ wittert Irans Präsident, eine „neue Front im Psychokrieg“, und sieht, wie immer in dieser autoritären Weltgegend, eine Verschwörung am Werk, bei der die amerikanische Regierung die Fäden zieht. (Schon im Karikaturenstreit verlangte man von der dänischen Regierung eine Entschuldigung, so als hätte die zu verantworten, was in dänischen Zeitungen steht.)

In den USA hingegen ist „300“ ein Kassenschlager. In den fünf Wochen seit der Premiere hat der Film das Rekordergebnis von 195 Millionen Dollar eingespielt. Mit Lust am Kawumm allein ist das nicht zu erklären. Die Geschichte scheint einen Nerv getroffen zu haben. Aber welchen?

Lässt man intellektuelle Vorbehalte fahren und gibt sich dem Rausch hin, ahnt man die Antwort. Inmitten des Gemetzels erfüllt sich nämlich plötzlich eine große, ewige Sehnsucht: Die Redlichen von den Abartigen auf den ersten Blick unterscheiden zu können; und sicher zu sein, dass die Abartigen immer die Anderen sind. 300 grade, gesunde Michel sind es, die da in Lendenschurz und Sandalen an den Thermopylen stehen. Sie reden nicht viel, aber haben, wie der amerikanische Präsident, immer ein harmloses Männerscherzchen auf den Lippen.

Wogen der Zweideutigkeit stürmen auf diesen Felsen sauberer, strammer Eindeutigkeit ein: Kreaturen, die weder Mann noch Frau sind, weder schwarz noch weiß, weder Mensch noch Tier. Präzise hackt man dieser gallertartigen, unübersichtlichen Masse die tausenden Köpfe ab, einen nach dem anderen, mit zuverlässigen, beim Holzhacken gestählten Muskeln.

Der Film sei „Produkt einer Kultur, die langsam und schmerzhaft verrückt wird“, schreibt das amerikanische Intellektuellenmagazin „New Yorker“. Er wirkt wie ein Schmerzmittel; wie das, was in der Wasserpfeife ist. Solange, bis man wieder aufwacht.

 

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