Stimmen Sie ab! Sprechen Sie Ihr Urteil! Sagen Sie anderen Leuten, was die dürfen und was nicht!

Sibylle Hamann

Nein, ich habe keine Meinung zu der 66jährigen Frau aus der Steiermark, die eben ein Kind gebar und es, gemeinsam mit ihrem um zwanzig Jahre jüngeren Lebensgefährten, großziehen wird. Ob die beiden sich das zutrauen, werden sie sich schon gut überlegt haben; besser wahrscheinlich als viele, die in der guten alten Zeit, als die Kinder noch der Herrgott schenkte, miteinander ins Heu hupften. Ich kenne weder ihre Lebensumstände noch ihre Laborwerte; ich weiß weder, wie belastbar ihre Nerven, noch wie nett ihre Verwandten sind.

Seltsamerweise weiß da ganz Österreich mehr als ich. Was halten Sie von dieser Frau? Was darf eine 66jährige? Sind Sie dafür oder dagegen, dass sie Mutter wird? plärrt es allerorten, online-Abstimmungen inklusive. Daumen rauf, Daumen runter: So schnell geht das.

Das ist unerträglich.

Wenn im Radio Hörer zu Wort kommen, wenn man sich durch Postings liest, dann kriegt man eine Ahnung davon, wie das früher mal gewesen sein muss, nach dem Kirchgang im Dorf: Das Zischen und das Fingerzeigen, das Tuscheln und Kopfschütteln, die bedeutungsschweren Blicke, wenn die Sünderin vorbeigeht. So eine egoistische Person! Jössas, das arme Kind! Wider die Natur ist das doch! Na, die wird schön schauen in zehn Jahren! Der wird das noch leidtun! Und sie wird sich noch wünschen, sie hätte uns vorher gefragt, gell?

Im Dorf früher konnte so ein kollektives An-den-Pranger-Stellen wahrscheinlich existenzvernichtend sein. Da war einer vom anderen abhängig, da wurden die Beleidigungen über Generationen hinweg vererbt, da gab es kein Entrinnen. In der Mediengesellschaft hingegen kennen die Empörten die Sünderin gar nicht. Umso stärker beben die Stimmen vor Selbstgerechtigkeit: Verboten gehört so etwas. Die Kinder sollte man ihr wegnehmen. Der Arzt gehört bestraft. Einsperren vielleicht auch noch gleich?

„Egoismus“ ist einer der am häufigsten gehörten Vorwürfe. Seltsam eigentlich: Egoismus wirft man Frauen schon seit Jahren vor, bloß aus entgegengesetztem Grund – weil sie zu wenige Kinder kriegen, weil sie „verantwortungslos“ sind und angeblich Bildung, Beruf und Wohlstand für wichtiger halten als Mutterschaft. Jetzt kriegt eine gebildete, wohlhabende Frau ein Kind, das dritte übrigens, und wieder ist es „verantwortungslos“.

So wie es, aus der Sicht der Selbstgerechten, sowieso immer die falschen sind, die sich fortpflanzen. Zu arm sind sie („die wollen nur das Kindergeld“), zu dunkelhäutig („die wollen uns umvolken“), zu jung, zu alt, zu dick, zu dumm, einer falschen Muttersprache mächtig. Oder auch zu privilegiert („die macht das ja nur, weil sie sich eine Kinderfrau leisten kann“). Da werden Zensuren verteilt, dass es nur so kracht. Eine Frau, die kinderlos bleibt, muss ebenso damit rechnen, öffentlich gemaßregelt zu werden wie eine Mutter, die zum fünften Mal schwanger ist.

Man bekommt beinahe Angst inmitten der eifernd fuchtelnden Zeigefinger. Sagen Sie Ihre Meinung! Stimmen Sie ab! Sollen behinderte Frauen Kinder bekommen? Kranke? Obdachlose? Zigeuner?

Daumen rauf, Daumen runter. So schnell geht das.

 

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