Wer macht im Augarten eigentlich Kulturpolitik?

Sibylle Hamann

Manche Millionäre gehen gern ins Kino. Die freuen sich, wenn was Neues von diesem aufregenden georgischen Regisseur gezeigt wird, wie hieß er doch gleich?, und blättern sich jedes Jahr mit zitternden Fingern durchs druckfrische Programm der Viennale.

Es gibt andere Millionäre, die halten es eher mit der B-Dur Messe von Schubert. Die können nächtelang drüber reden, warum die ganz anders klingt, wenn sie von den Wiener Sängerknaben gesungen wird: Obs an den Stimmbildnern liegt? Oder doch an der Akustik in der Hofburgkapelle?

Wenn solche Millionäre ihre Freude an der Kultur mit anderen teilen wollen, wenn sie ein Verantwortungsgefühl haben, das über die nächste Bilanz hinausgeht, dann gründen sie manchmal ein Stiftung und geben ihr Geld her. Für ein feines neues Filmkulturzentrum, oder einen feinen neuen Konzertsaal für die Sängerknaben, eben ganz nach persönlichem Gusto. Angesichts der tausenden bescheuerten Arten, Geld auszugeben (Großwildsafaris, Oldtimer-Rallyes, Schönheitsoperationen) ist das zunächst einmal großartig.

Auch der Staat sollte sich eigentlich freuen. Kultur ist zu teuer! Wir haben kein Geld! Wir brauchen private Mäzene! hatte er jahrelang, vielleicht ein bisserl zu theatralisch, ins Land hinausgerufen. Jetzt allerdings stehen gleich zwei Mäzene vor der Tür, wollen an derselben Stelle im Augarten etwas Gutes tun, würden gern ihre Säcke voll Geld abgeben – doch der Staat traut sich nicht aufzumachen.

Er tuschelt bloß hektisch hinter der Tür, windet sich peinlich in Unzuständigkeiten, denn weitergedacht hat offenbar niemand. Was, zum Beispiel, wären denn überhaupt die objektiven, nachvollziehbaren Kriterien, nach denen über ein derart wichtiges Projekt an einem derart prominenten Standort entschieden wird? Geht es um die architektonische Qualität der Gebäude, oder darum, was in ihnen stattfinden soll? Geht es um den sozialen Nutzen für die Nachbarschaft oder um die Förderung des Tourismus? Um Denkmalschutz oder Ökologie, um Volksbildung oder Stadtplanung? Kommt der dran, der länger wartet; der dem Bürgermeister sympathischer ist; der das schönere Deckblatt für seinen Antrag gestaltet hat; oder der bei Bürgerversammlungen den lautesten Applaus kriegt?

Selbstverständlich kann und soll man Kulturpolitik nicht einfach den Anrainern überlassen (im Zweifel zwischen zwei Projekten entscheiden die sich, polemisch vermutet, womöglich für mehr Parkplätze). Aber genau so seltsam ist es, die Frage, ob die Stadt mehr Schubert oder mehr Chabrol braucht, einem Beamten der Burghauptmannschaft zu überantworten, der zufällig formell für die Verwaltung der Bundesgärten zuständig ist. Nur mal angenommen, morgen klopft ein dritter Mäzen mit einem Sack Geld an die Tür und meint, er finde sowohl Schubert als auch Chabrol total langweilig, aber ein Museum für zeitgenössische Metallskulptur würde er gern finanzieren. Was dann?

Ein Staat, der sich mit dem Satz „Hauptsache es kost‘ nix“ aus der kulturpolitischen Verantwortung davongestohlen hat, muss damit rechnen, dass genervte Millionäre am Ende doch wieder Großwild jagen gehen.

 

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