In der Türkei ist vieles ein bisserl anders, als es ausschaut.

Sibylle Hamann

In der Türkei geht es rund. Es ist ein seit Jahrzehnten schwelender Grundsatzkonflikt, der aufbricht. Auf den ersten Blick schaut alles recht einfach aus. Es gibt zwei Seiten, und man meint sofort zu wissen, wer wohin gehört.

Hier die fahnenschwingenden Demonstranten, städtische Mittelklasse mit H&M-Minirock und iPod, die westlichen Lebensstil und laizistische Grundwerte gegen die Mullahs verteidigt. Die schauen aus wie wir. Das müssen die modernen, weltoffenen, vernünftigen Europäer sein.

Auf der anderen Seite die AKP, eine islamistische Partei, die das Parlament beherrscht, die Regierung stellt, und nun auch noch das Präsidentenamt will. Da tragen viele Frauen Kopftuch, die Männer Haare über der Oberlippe, und sie beten auch noch. Das müssen „die anderen“ sein: dumpfe, antieuropäische, demokratiefeindliche Kleinasiaten.

Den Türken gibt es für die allermeisten Europäer nämlich in zwei Primärvarianten: Cooler Istanbuler DJ oder bloßfüßiger anatolischer Schafhirte.

Der richtige Türke ist jedoch komplizierter. Nehmen wir Außenminister Abdullah Gül, jenen Mann von der AKP, der jetzt Präsident werden soll. Er ist der Mastermind der türkischen Europapolitik, und wollte das mit dem Beitritt seines Landes zur EU krönen. Dass seine Ehefrau Kopftuch trägt, ist da kein Widerspruch. Im Gegenteil: Sie reichte einst beim Europäischen Gerichtshof eine Klage gegen das staatliche Kopftuchverbot ein. Europa verspricht weltoffenen Moslems nämlich, was die kemalistisch-nationalistische Türkei nicht bieten will: Toleranz und das Recht auf freie Religionsausübung.

Werfen wir, um uns noch mehr zu verwirren, einen Blick in das soziale Biotop, aus dem Gül stammt. Kayseri in Zentralanatolien, eine Hochburg der AKP, ist kein Hirtendorf, sondern ein Zentrum der Textil- und Möbelindustrie mit sagenhaften Wachstumsraten. Technische Innovationen lieben die Menschen hier ebenso wie gottgefällige Sprichwörter. Würde man Bayern (Laptop und Lederhosen) auf türkisch übersetzen, es käme ungefähr Zentralanatolien heraus: Man ist stolz auf Fleiß und Anstand, auf Sparsamkeit und Tradition, aufs Geldverdienen und auf die Familie.

In Biotopen wie diesem wuchs in den vergangenen Jahren ein neuer kapitalistisch-islamischer Mittelstand heran. Er machte die AKP zur staatstragenden Partei, schuf ein nachhaltiges Wirtschaftswunder und drängte in die EU (was die Europäer als unsittlich empfanden und brüsk abwehrten; aber das ist eine andere Geschichte). Die korrumpierten nationalistischen Eliten im Militär, in der der Bürokratie und in der Staatswirtschaft sahen das natürlich gar nicht gern. Sie rümpften über die „dummen Bauern“, die da den Staat, IHREN Staat umkrempelten, angewidert die Nase. Aber dem Land und der Demokratie tat es gut.

Man muss weder Stoiber noch Gül mögen, weder die CSU noch die AKP. Man kann ihr altmodisches Frauenbild kritisieren und ihre fromme Ländlichkeit langweilig finden. Aber eines stimmt ganz sicher nicht, weder in Bayern noch in Anatolien: Dass sie bloß an die Macht wollen, um den Staat im Namen Gottes in die Luft zu sprengen.

 

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