Nicht alle Jugendlichen freuen sich auf die Sommerferien.

Sibylle Hamann

Schulschluss: Klingt für die allermeisten Jugendlichen nach Freibad und Eisessen, nach Lang-aufbleiben-dürfen und Lang-ausschlafen, nach zwei ewigen Monaten Freiheit.

Es gibt andere Jugendliche, die sich vor dem Schulschluss fürchten. Die ab Ostern schon bang versuchen, die Tage festzuhalten, damit die Zeit langsamer vergeht. Denn Sommerferien heißt für sie: Schluss mit lustig. Koffer packen und schnell heim in die Türkei. Bevor es zu spät ist. Bevor du uns entgleitest. Bevor du in falsche Gesellschaft gerätst, auf die schiefe Bahn, bevor du verführt wirst vom amoralischen Leben rundherum, bevor du einen Freund heimbringst, oder sonst auf dumme Ideen kommst.

Schulschluss ist für viele Mädchen türkischer Herkunft der Moment, in dem die Familie wieder die totale Kontrolle über ihr Leben herzustellen versucht. Sie werden zu Verwandten geschickt, die sie kaum kennen, in ein Land, das ihnen fremd ist. Vielleicht wartet dort, um schnell Tatsachen zu schaffen, auch schon ein Bräutigam. Einige werden zu Schulbeginn im Herbst nicht zurückkommen. Andere werden zurückkommen, aber nicht mehr in die Schule gehen.

Man meint es es gut mit den Mädchen. Man will sie schützen vor den Gefahren der Freiheit. Man weiß sich nicht anders zu helfen. Man hofft, es werde alles wieder gut, wenn nur alles so ist wie früher.

Wir wissen viel zu wenig darüber, was sich in diesen Tagen in vielen Wiener Familien abspielt. Es wird wohl geweint und geschmollt, geschrien und trotzig geschwiegen. Sechzehn, siebzehn sein ist unter normalen Umständen schwierig genug; unter normalen Umständen knallen schon genügend Türen. Wenn sich jedoch das Erwachsenwerden mit einem Kultur- und Loyalitätskonflikt vermischt, kann das mehr sein, als ein einzelner Mensch aushält.

Wie zum Beispiel ist das für die türkische Mama, wenn sie beobachtet, wie ihre halbwüchsige Tochter immer selbstständiger wird? Die bringt gute Noten heim aus der Schule. Sie wird von ihren Lehrerinnen ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen. Sie will am Abend fortgehen wie die anderen Mädchen, sie will enge T-Shirts tragen, und es wird nicht lang dauern, da wird sie keine Jungfrau mehr sei. Die Mama verzweifelt, wenn sie sich das im Detail ausmalt. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Töchter auch in der Fremde gute türkische Töchter bleiben; dass sie ihrer Familie keine Schande machen. Es ist Mamas Schuld, wenn das schiefgeht.

Und wie ist das für die Tochter, hin- und hergerissen zwischen dem, was die Eltern wollen, und dem, was Schule von ihr erwartet? Sie sieht die Mama, wie sie hilflos die Hände ringt, und die Freundinnen, die alles dürfen, was sie nicht darf. Auf Schritt und Tritt verlangt jemand, dass sie sich für eine der beiden Seiten entscheidet: Isst du Schweinefleisch oder nicht? Trägst du das Kopftuch, weil dich dein Vater dazu zwingt? Leg es ab und beweise uns, dass du zu uns gehörst!

Da ist so viel Hilflosigkeit, so viel Überforderung, da sind so viele Konflikte, von denen wir keine Ahnung haben, obwohl sie im Haus nebenan ausgetragen werden, jeden Tag. Es sollte uns nicht wurscht sein.

 

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