Wenn unsere Politiker landen, merkt man erst, wie klein sie sind.

Sibylle Hamann

Beinahe jeder Mensch glaubt gern, er sei ein bisschen toller, als er tatsächlich ist. Da geht es Politikern nicht anders als der Frau Nowotny von nebenan. An manchen Tagen, wenn die Sonne auf den Balkon scheint und der Trafikant ein nettes Kompliment gemacht hat, setzt sie sich ihren neuen, etwas gewagten Cowboyhut auf, findet sich ziemlich hinreißend, und hat das Gefühl, ihr gehört die ganze Welt.

Bei der Frau Nowotny wird das Gefühl eine Viertelstunde dauern, einen halben Tag vielleicht, selten länger. Denn im normalen Leben lauert hinter beinahe jeder Ecke etwas, das einen schnell runter holt. Das kann der missgünstige Abteilungsleiter im Büro sein; das Schreiben von der Bank, das nachdrücklich an die nächste Kreditrate erinnert; oder der zufällige Blick in den Spiegel. Man nennt das Realitäts-Check. Frau Nowotny hat damit, wie die meisten von uns, leben gelernt.

Menschen, die permanent in der Öffentlichkeit stehen, tun sich mit dem Realitäts-Check schwerer. Logisch. Wer sein Bild jeden Tag in der Zeitung sieht, wer an seinem Arbeitsplatz nicht über abgewetztes Linoleum, sondern über schwere rote Teppiche geht, wer nicht mit dem missgünstigen Abteilungsleiter streitet, sondern mit dem stellvertretenden Weltbankchef oder der Präsidentin von Estland, glaubt wahrscheinlich recht schnell recht fest daran, dass ihm die ganze Welt gehört.

Umso entlarvender sind die Momente, in denen diese Großen wieder landen, mitten unter uns, auf Augenhöhe.

Was hatten unsere Spitzenpolitiker nicht alles vor, sobald sie die Bürde der kleinen, lästigen, schäbigen österreichischen Innenpolitik nur endlich abschütteln könnten! Der eine meinte, frei zu sein für jene verantwortungsschwere Rolle in der internationalen Diplomatie, die der wahren Weite seines Horizonts entspricht. Der andere rechnete mit zehn Turbo-Super-Top-Job-Angeboten aus dem Finanzbusiness, samt Spitzengehalt, dass ihm laut Selbsteinschätzung selbstverständlich zusteht. Wieder andere freuen sich, etwas bescheidener, über die Muße, all jene Weisheit und intellektuelle Brillianz zu versprühen, die sie immer schon in sich wallen spürten.

Vergleichweise klein ist jedoch oft, was am Ende dabei herausschaut. Den ehemaligen Kanzler hat außerhalb der ÖVP keiner gebraucht; er lenkt keine Weltgeschicke, sondern bloß den Parlamentsklub, wie es sich für einen langgedienten Parteiangestellten gehört. Die Managementerfahrung, die der ehemalige Vizekanzler in die Privatwirtschaft mitnahm, reichte offenbar bloß, um dort ein paar Wochen lang zu reüssieren. Nicht einmal auf den ach so glamourösen ehemaligen Finanzminister war draußen in der Börsenwelt irgendjemand neugierig. Der macht jetzt keine internationale Karriere, sondern bloß ein bisschen „Handel mit Waren aller Art“, gemeinsam mit einem alten Parteifreund.

Er lese ausschließlich die „Financial Times“, sagte Karlheinz Grasser einmal, und fühlte sich dabei ähnlich cool und verwegen wie die Frau Nowotny in ihrem Cowboyhut. Heute wissen wir, dass es bei beiden, wohl immer schon, bloß für die „Kronen Zeitung“ gereicht hat.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.