Im Fall Marco W. wird viel Unsinn geredet – über die Türkei, übers Flirten und über den Rechtsstaat

Sibylle Hamann

Kommenden Freitag steht Marco W. in Antalya vor Gericht. Marco W. ist jener deutsche Urlauber, der seit elf Wochen wegen sexueller Handlungen an einem 13jährigen britischen Mädchen in U-Haft sitzt. Oder, wie der Fall meist dargestellt wird: Jener arme Bursch, der von finsteren islamistischen Sittenwächtern beim harmlosen Herumknutschen erwischt und in den Kerker geworfen wurde. Es geht also schon wieder um die Türkei und um Europa, um Sex und Hysterie, und um den haarsträubenden Unsinn, der dazu gesagt wird – bewusst diffamierend, unbewusst frauenfeindlich, und über weite Strecken faktisch falsch. Der Reihe nach:

–       Wenn ein 17jähriger mit einer 13jährigen Sex hat, ist das nicht einfach eine „Romanze“ oder ein „Urlaubsflirt“, wie es – auch hier in der „Presse“ – genannt wurde. Dem Gesetz nach ist es Kindesmissbrauch. Der ist in der Türkei ebenso strafbar wie in Deutschland oder Österreich.

–       Ob das Kind dabei freiwillig mitgetan hat (das britische Mädchen bestreitet das), tut rechtlich nichts zur Sache – mit guten Gründen. Allenfalls ist strafmildernd, wenn der Täter glaubhaft machen kann, er habe das Kind für älter gehalten.

–       Hier wie dort ist Kindesmissbrauch ein Offizialdelikt. Die Behörden MÜSSEN also etwas tun. Nach deutschem Recht sogar dann, wenn ein Deutscher seine Tat im Ausland begeht (das ist als Warnung an Pädophile gedacht, die sich auf den Philippinen oder sonstwo allzu sicher fühlen). Folgerichtig wurde gegen Marco W. nun auch in Lüneburg ein Verfahren eingeleitet.

–       Dass ein ausländischer Tatverdächtiger sofort in Untersuchungshaft genommen wird, passiert in Deutschland und Österreich jeden Tag. Begründet wird das, hier wie dort, mit Fluchtgefahr, und die wird routinemäßig angenommen, wenn ein Ausländer keinen Wohnsitz im Land hat.

–       Mit dem Islam oder rückständigen Sitten in der Türkei hat der Fall nichts, aber auch gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Das patriarchal-islamische Prinzip räumt Männern weit gehende Verfügungsgewalt über Mädchen und Frauen ein (solange diese nicht einem anderen Mann „gehören“ und man keine „Familienehre“ verletzt). Das neue türkische Sexualstrafrecht jedoch wendet sich genau GEGEN diese patriarchale Logik – indem es Frauen vor Übergriffen, wie auch immer sie traditionell gerechtfertigt werden, schützt.

–       Die EU stand bei dieser tiefgreifenden Strafrechtsreform im Jahr 2004 sogar Pate. Pure Idiotie ist daher der geifernde Vorwurf einiger konservativer Politiker, der Fall Marco W. beweise, wie weit die Türkei von Europa noch entfernt sei. Das Gegenteil wäre richtiger: Der Fall beweist, wie europäisch die türkischen Gesetze bereits sind.

>Ja, es gibt in der Türkei vieles, über das man reden muss. Die Zustände in den Gefängnissen; die polizeiliche Praxis in den Wachzimmern; Korruption im Justizapparat; Gesetze, die die Meinungsfreiheit einschränken; alltägliche, von der Gesellschaft gedultete Gewalt gegen Frauen; und der oft extreme Nationalismus.

>Aber nichts davon hat auch nur am Rande damit zu tun, was Marco W. bei seinem missglückten Antalya-Urlaub widerfuhr.

 

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