Wie und warum New Yorks Infrastruktur immer noch funktioniert, kann niemand genau sagen.

Sibylle Hamann

New York ist ein Hort von Visionen und technologischer Innovation. Allerdings nur, wenn man den visionären Standard von vor hundert Jahren zum Maßstab nimmt. Kühn waren die Stadtplaner damals: Sie gruben U-Bahn-Tunnels unterm Meer, betrieben die Aufzüge ihrer Wolkenkratzer mit Dampfdruck, legten pneumatische Rohrpostsysteme unter die Erde, und bauten höher, tiefer, schneller, schwindelerregender als sonstwer auf der Welt.

Einem schrägen Zufall ist es zu verdanken, dass ihre Werke bis heute funktionierern. Halbwegs zumindest. Ab und zu fliegt etwas in die Luft, wie jüngst das 61 Zentimeter dicke Dampfrohr in der Lexington Avenue (Baujahr 1924), und jagt Fontänen von Asbestschlamm hoch. Dann stochern Straßenarbeiter ratlos im Loch herum, verirren sich im Labyrinth aus Dampf-, Gas-, Elektro- und Abwasserleitungen, den Sedimentschichten aus hundert Jahren Fortschritt, kratzen sich am Kopf, schütten das Loch wieder zu, und beten, dass es noch eine Weile irgendwie weitergeht.

Hoffen und beten ist, kurz gesagt, das zentrale Funktionsprinzip der New Yorker Infrastruktur.

Wenn es kalt ist, drehen Sie dort die Heizung auf, die aus einem glühendheißen Rohr mitten im Zimmer besteht, reißen gleichzeitig zur Temperaturregulierung das Fenster auf, und hoffen, dass sich niemand verbrennt. Wenn es heiß ist, schalten Sie die Aircondition ein und hoffen, dass das Kondenswasser weder die Mäuse aus ihren Mauerlöchern treibt noch die Stoffummantelung der Elektrokabel zersetzt. Wenn es regnet, müssen Sie sowohl damit rechnen, dass die U-Bahn nicht fährt, als auch dass Ihr Telefon den Geist aufgibt.

Der Monteur mit den Rastalocken, den Sie dann bestellen, wird den Kabeln folgen, die wie suchende Efeuranken aus allen Fenstern herauswachsen, irgendwo am Hofzaun ein Büschel davon finden, das einen Schaltkasten verbirgt, unten das Wasser rausgießen und mit dem Schraubenzieher ein bisserl Rost abkratzen. Wenn er ein netter Rasta ist, fragt er Sie, welcher Nachbar sein Telefon wohl am wenigsten braucht, bevor er dessen (am wenigsten verrosteten) Anschluss abzwickt und Ihren dranhängt.

In die Luft fliegende Kanaldeckel gehören ebenso zur New Yorker Folklore wie totale Blackouts. Und die 3200 Ampelknöpfe an Fußgängerübergängen, von denen, so will es die urbane Legende, kein einziger funktioniert. Die antiken Relais, die die U-Bahn-Weichen steuern, wurden zuletzt in den Vierzigerjahren produziert; hoffentlich liegen irgendwo noch ein paar als Ersatz herum. Das gesamte Trinkwasser kommt aus Upstate, in zwei (1917 und 1936 erbauten) Rohren, aus deren Lücken täglich Millionen Liter Wasser sickern. Reparieren ist unmöglich. Erstens, weil New York dann verdursten würde, und zweitens, weil niemand weiß, ob das Rohr bei einem Druckabfall nicht sofort implodiert.

The city that never sleeps? Vielleicht gibt es einen ganz banalen Grund dafür. Die New Yorker lauschen dem rätselhaften Blubbern in den Rohren, dem Knistern in den Leitungen, dem Knirschen im Untergrund. Schlafen trauen sie sich dann einfach nicht.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.