Das Kindergeld ist unlogisch, unadministrierbar und ungerecht.

Sibylle Hamann

Sagen wirs mal klar und deutlich: Das Kinderbetreuungsgeld ist ein Murks. Freude macht es bloß zwei Gruppen: Erstens Frauen, die ohnehin nie richtig berufstätig sein wollten und nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, alles für ein bisschen Taschengeld hinzuschmeißen. Zweitens Vätern, die ein Argument brauchen, um keine Stinkewindel anzugreifen: Wer wird denn hier für sowas bezahlt, hä?

Alle anderen Eltern fühlen sich vom Kindergeld übervorteilt, ausgetrickst oder gedemütigt. Und mit was? Mit Recht. Weil die 436 Euro im Monat vorgaukeln, sie würden die Bertreuungsarbeit von Jungeltern irgendwie abgelten und die Betreuungsfrage lösen. Aber genau das, gleichzeitig, ganz und gar nicht tun. 14,53 Euro am Tag, ein Euro pro Stunde, Nachtzuschlag exklusive: Wenn Sie einen Babysitter kennen, der damit zufrieden ist, melden Sie ihn bitte dem Familienministerium.

Dem braven Vater reichen 14,53 Euro selbstverständlich nie und nimmer (was sich in 3,2 Prozent männlichen Kindergeldbeziehern niederschlägt). Der braven Mutter soll das aber reichen. Die wird ja ohnehin einen Mann haben, der ihr ein bisserl was zusteckt, wenn sie lieb schaut und neue Sommersandalen braucht. Genauso abhängig soll sie nach dem Willen der Regierung auch langfristig bleiben, denn sonst würde man ihr nicht nahelegen, allzu viel „Zuverdienst“ zu vermeiden.

Richtig ist: Es muss ja keiner Kindergeld nehmen. Wer mehr verdienen will, kann einfach drauf verzichten. Wenn Sie das versuchen wollen, zum Beispiel als Freiberuflerin, wünsche ich Ihnen viel Spaß. Sie werden Aufforderungen von der Krankenkasse kriegen, Ihr Einkommen für jene Monate, in denen Sie KEIN Kindergeld bezogen haben, penibel nachzuweisen, samt Einnahmen- und Ausgabenrechnung. Versuchen Sie, einem Sachbearbeiter zu erklären, dass Ihnen dieses Begehr unnötig und unlogisch erscheint. Sie weden viele Seufzer hören und einen langen Schriftverkehr führen.

Der einzige Ausweg aus dem Murks wären gute öffentliche Betreuungsangebote, kombiniert mit einem (nach oben gedeckelten und zeitlich kurz befristeten) einkommensabhängigen Karenzgeld: Das würde Männer animieren, sich auf das Abenteuer Stinkewindeln einzulassen, und Frauen dazu ermuntern, ordentlich Energie in ihren Beruf zu stecken und gar nicht erst drauf zu spekulieren, dass, sobald sie Kinder kriegen, eh alles wurscht ist.

Selbstverständlich bringt das einkommensabhängige Karenzgeld GutverdienerInnen mehr als GeringverdienerInnen. Selbstverständlich ist es ungerecht. So wie die Arbeitswelt insgesamt ungerecht ist: Wenn der Generaldirektor einen Herzinfarkt hat, bekommt er im Krankenstand mehr als der Nachtwächter. Wenn der Promi-Anwalt sein Dienstauto von der Steuer absetzt, profitiert er mehr als der Versicherungsvertreter.

Eine gerechtere Arbeitswelt wäre großartig. Es wäre wunderbar, wenn der Generaldirektor mit dem Nachtwächter Solidarität zeigt und sich aufs gleiche Krankengeld beschränkt. Aber Solidarität mit den ärmeren Geschlechtsgenossinnen und Verzicht im Namen des sozialen Ausgleichs wird immer nur von Frauen verlangt. Warum eigentlich?

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.