Beim BAWAG-Prozess kann man viel übers Leben lernen.

Sibylle Hamann

Man kann da ja einfach reingehen. Straflandesgericht Wien, Haupteingang, immer rechts den langen Gang entlang, die Schritte hallen auf den Steinfliesen, bis man am Café anstößt. Großer Schwurgerichtssaal. Das klingt pompöser als es ist. Wie überhaupt die Karibik, um die es geht, an diesem Ort auf die Dimension eines Schrebergartens mit spießiger Thujenhecke schrumpft.

Es ist alles so klein im BAWAG-Prozess, so normal, so einfach; nicht nur deshalb, weil der Hauptangeklagte Gesundheitsschlapfen mit graublauen Socken trägt. Da sitzen lauter Menschen wie du und ich: Eine Richterin, die versucht zu verstehen, wie es gewesen ist. Ein Staatsanwalt, der, in ein bisschen strengerem Tonfall, versucht, zu verstehen, wie es gewesen ist. Und auf der Anklagebank ein paar alternde Männer, auch alles Menschen wie du und ich, bloß mit dem Unterschied, dass sie einmal geglaubt haben, ihnen gehört die Welt.

Nein, die Welt hat ihnen, im Nachhinein betrachtet, doch nicht gehört. Sie haben die Welt auch nie so ganz verstanden. Aber sie trugen zu teure Anzüge, sie hatten zu fette Spesenkonten und zu dicke Autos, sie waren zu weit nach oben aufgestiegen, um das noch zugeben zu dürfen. Da kommt einer mit dem Privatflugzeug von den Bahamas, aus New York oder direkt aus seiner Ferienvilla in den Hamptons, und wirft mit Sachen wie „Leverage-Geschäfte, fallender Yen, Hebelwirkung, todsicher!“ um sich. Sagt man da: „Tschuldigen, wie bitte?“ Das täte so gut, aber dazu muss man mutig sein. Wer feige ist, setzt ein weltläufig-kühnes Gesicht auf, fährt mit auf dem Karussell, kneift insgeheim die Augen zu und hofft inständig, dass keiner merkt, wie schwindlig einem längst schon ist.

„Ich versteh das nicht“, wäre der Zauberspruch gewesen, der den Irrsinn gebannt hätte. Der eigentlich beinahe jeden Irrsinn bannen kann, immer und überall. „Ich kenn micht nicht aus“, „ich kann mir das nicht vorstellen“, „können Sie mir das nochmal genau erklären?“: Mächtigere Sätze als diese gibt es kaum. Sie lassen aus pseudo-englischer Managerschwurbelei die Luft raus. Sie lassen gefährliche politische Scharlatane ins Leere rennen. Sie überführen jeden Hochstapler, und bringen jeden windigen Immobilienmakler ins Stottern. Sie entlarven, um beim Thema Immobilien zu bleiben, sogar die New Yorker Hamptons als das, was sie wirklich sind: Die Fortsetzung des Floridsdorfer Schrebergartens mit anderen Mitteln.

„Ich versteh das nicht“, sagt die Richterin heute im Großen Schwurgerichtssaal, sie sagt es oft und gern, und der Zauber wirkt sofort. Männer, die einmal glaubten, ihnen gehört die Welt, haben plötzlich die Körpersprache pickeliger Maturanten, die man beim Schwindeln erwischt hat. Ein bisserl bockig, trotzig, noch immer ein bisserl rechthaberisch, fangen sie an, zu schnell zu reden, und verhaspeln sich dabei.

Sie haben teure Anzüge an, denn andere haben sie wahrscheinlich gar nicht. Sie passen nicht mehr so richtig rein. Egal. Es kommt nicht mehr drauf an. In der Welt, die ihnen doch nicht gehört, im Rechtsstaat nämlich, richten Menschen in T-Shirts aus dem Sonderangebot.

 

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