Fräser und Dreher sind sehr wichtig. Putzfrauen und Pflegerinnen weniger. Warum?

Sibylle Hamann

Nennen wir sie Wanda. Wanda ist Mitte zwanzig und kommt aus der Hohen Tatra. Sie hat neun Geschwister. Es sind eigensinnige Leute dort oben auf dem Berg: Sie sind wortkarg, stur und halten viel auf ihre Traditionen. Auch Wanda ist keine Freundin vieler Worte. Sie liebt ihre Mama, den Bauernhof und das Bergpanorama, das sich auftut, wenn man vor der Dorfkirche steht. Aber sie weiß, seit sie ein kleines Mädchen ist, dass sie weggehen wird müssen, um Geld zu verdienen. Denn in der Hohen Tatra gibt es, jenseits von Holzfällen, Hühnerzucht und Musizieren für die Touristen, nichts zu tun.

Heute leben Wandas Brüder in Irland und Großbritannien. Sie sind Tischler und Schlosser, Dreher und Fräser, haben Familien gegründet und kommen jedes Jahr heim, um ihre Mama zu besuchen. Sie sind legal in Irland. Irland braucht sie und hat sie ins Land gebeten, willkommen geheißen und legt Wert darauf, dass sie auf länger dort bleiben. Sie arbeiten hart, es geht ihnen gut.

Wanda lebt heute in Wien. Sie ist Putzfrau. Auch sie arbeitet hart, und sie macht ihre Sache gut. Sie putzt nicht nur, sie kennt sich auch beim Gärtnern aus. Sie kann gut mit Kindern umgehen und ist ein Organisationstalent. Wer immer in ihrem weitläufigen Bekanntenkreis eine Lösung für ein akutes oder chronisches Betreuungsproblem sucht, wer einen Umzug oder einen familiären Notfall zu bewältigen hat – Wanda jongliert mit ihrem dicken Schlüsselbund, ihrem Handy und ihrem Taschenkalender und findet für alles eine Lösung. Sie ist gewissenhaft, kreativ und belastbar. Sie wäre eine wunderbare Unternehmerin: Vermittlung von personen- und haushaltsbezogenen Dienstleistungen aller Art. Doch sie arbeitet, als polnische Staatsbürgerin, nicht legal in Österreich.

Die Regierung will jetzt den Arbeitsmarkt für ein paar hundert osteuropäische Dreher, Fräser und Schweißer öffnen. Das sind „Schlüsselarbeitskräfte“, wie die Industrie sagt, deswegen ist das wohl vernünftig (oder Wunschdenken, weil die osteuropäischen Dreher, Fräser und Schweißer längst in Irland sind). Aber was ist mit den anderen Schlüsselarbeitskräften? Den Haushaltshilfen und Pflegerinnen, Putzfrauen und Babysittern? Ohne die würde unser Land über Nacht zusammenbrechen, aber über die reden wir nicht. Über die flüstern wir nur, und geben auf Schmierzetteln Telefonnummern weiter. Die sind tabu.

Muss das so sein? Warum eigentlich? Warum heißen wir Menschen wie Wanda nicht hochoffiziell willkommen im Land? Warum fördern wir nicht, das sie kommen, warum legen wir so wenig Wert darauf, dass sie bleiben, wo wir sie doch so dringend brauchen? Warum fällt uns seit Jahren keine praktikable Lösung ein, sie legal, unbürokratisch und in Würde zu beschäftigen, zu versichern und zu entlohnen?

Wanda will nicht permanent mit einem Fuß im Kriminal stehen. Das sieht ihre Mama nicht gern. Sie braucht, stur wie sie ist, ein Mindestmaß an Planung im Leben; sie will irgendwo Steuern zahlen, versichert sein und eine Familie gründen; deswegen wird sie wieder gehen. Nach Irland vielleicht.

Gut für Irland. Schade für uns.

 

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