Da gab es doch einmal so eine Werbekampagne. Vom österreichischen Fremdenverkehrsverband vielleicht. „Österreich ist schön. Komm. Bleib“: So ähnlich muss der Spruch gelautet haben. Er hing damals an jeder Straßenecke.

Seltsam eigentlich: Im heutigen Straßenbild kann man sich einen solchen Werbespruch kaum mehr vorstellen. Er würde den Kreativdesignern in den Werbeagenturen wahrscheinlich gar nicht einfallen. Und wenn ihn jemand gut sichtbar an einer Straßenecke plakatieren wollte – gut möglich, dass ein anderer sofort „linkslinke Gutmenschenagitation“ unterstellen, und die Plakate sofort herunterreißen würde. Fremde, die kommen sollen? Bleiben sogar? Um Himmels willen!

Nein, es soll keiner kommen. Mir san mir. Lassts uns doch einfach alle in Ruh. Ob ausländische Forscher oder Studentinnen, ob Facharbeiterinnen oder Austauschschüler, ob Touristen oder Künstler; ob der ausländische Bräutigam, der seine neue Liebe amtlich machen oder die Oma, die einfach mal ihre Enkelkinder besuchen will – bevor wir denen gnadenhalber ein Visum in den Pass stempeln, müssen wir sie erst mal ordentlich quälen.

In Belgrad zum Beispiel: Die erwähnte serbische Oma muss dort tagelang am Konsulat anstehen, 16 Dokumente beibringen, vom Nachweis einer (österreichischen) Kranken- und Unfallversicherung mit einer Deckungssumme von mindestens 30.000 Euro, bis hin zum notariell beglaubigten Einkommensnachweis ihrer Gastgeber und dem Mietvertrag oder Grundbuchsauszug für deren Wohnung. Beim ausländischen Bräutigam wird sowieso grundsätzlich eine Scheinehe angenommen. Erst kriegt er keine Arbeitsgenehmigung, und weil er deswegen zuwenig verdient, kriegt er anschließend keine Aufenthaltserlaubnis.

Es sind demütigende und oft fruchtlose Rituale, die sich unser Innenminister da ausgedacht hat. Sie verraten eine Weltsicht, die er mittlerweile mit gar nicht so wenigen Landsleuten teilt: Grundsätzlich trauen wir niemandem. Grundsätzlich unterstellen wir erst mal jedem, ein Gauner zu sein, der sich bloß, in betrügerischer Absicht, in unser Sozialsystem einschleichen will. Und grundsätzlich wärs uns ohnehin lieber, es blieben einfach alle daheim, und wir blieben unter uns.

Wohin die Einschränkungen der Reisefreiheit führen können, kann man am Balkan gut beobachten. Während die ältere Generation, als jugoslawische Staatsbürger, einst noch relativ unbehindert quer durch Europa reiste, und zwar dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs, kennen die serbischen Jugendlichen Europa bloß noch aus Illustrierten und vom Hörensagen. Sogar siebzig Prozent der Studierenden waren noch nie im Leben im Ausland. Weil ihnen das Geld zum Reisen fehlt. Weil es die oben erwähnten Visa-Schikanen gibt. Und weil mit jeder Runde der EU-Erweiterung die Welt, in der sie sich ohne Visum bewegen können, schrumpft. Was den Jugendlichen in Serbien bleibt, sind Selbstmitleid, Frust, Apathie und Verschwörungstheorien.

Das tut nicht gut. Der Wirtschaft nicht, der Psyche auch nicht. Den Jugendlichen am Balkan nicht, und ihren Nachbarn ebensowenig. Misstrauen, Trotz und Abschottung verhärten. Langfristig machen sie dumm. Nicht nur jene, die draußen bleiben – sondern auch jene, die drinnen sind.

 

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