Da läuft jetzt ein Film in den Kinos. Einer, der für Aufsehen sorgt und in Cannes, bei den Filmfestspielen, hoch dekoriert wurde. „Import-Export“ heißt er, der Regisseur heißt Ulrich Seidl, und eins steht fest: So schnell vergisst man diesen Film nicht, wenn man aus dem Kino kommt. Er bleibt picken im Gehirn.

Es geht, kurz gesagt, um Olga, eine junge ukrainische Krankenschwester, die in einer tristen Plattenbausiedlung ihre Reisetasche packt, um Richtung Westen zu fahren. Ihr Baby lässt sie schweren Herzens bei der Oma zurück. Das Krankenhaus zahlt ihr keinen Lohn mehr, und außer Internet-Porno gibt es für sie in der Ukraine nichts zu tun. So landet sie in Wien, erst als Kindermädchen in einer Mittelstandsfamilie, dann als Putzfrau in einer geriatrischen Pflegestation.

Es ist eine durch und durch europäische Geschichte. Denn mit Menschen wie Olga wächst Europa zusammen. Mit ihren Reisen, mit ihrer Arbeit, mit dem Geld, das sie heimschicken und den Beziehungen, die sie in den verschiedenen Ländern aufbauen, spannen sie unsichtbare Schnüre, kreuz und quer über den Kontinent. Ohne Menschen wie Olga könnte weder der Westen noch der Osten leben: Der Osten, weil Olga Geld heimschickt, um ihre Familie zu erhalten. Der Westen, weil er ohne Olga nicht in der Lage wäre, seine Kinder, Alten und Kranken anständig zu versorgen.

Vieles an Seidls Film ist entlarvend, und oft fühlt man sich ertappt. Zum Beispiel damit: Warum wissen wir über die Olgas eigentlich so wenig? Im wirklichen Leben sind sie überall. Sie schrubben Stiegenhäuser, sie schieben Kinderwägen durch den Park, sie waschen in den Spitälern, Krankenhäusern und Altersheimen die Bettschüsseln aus. Wenn sie jede Woche zu uns putzen kommen oder sich um die bettlägrige Oma kümmern, erfahren sie einige unserer intimsten Alltagsgeheimnisse.

Umgekehrt jedoch haben wir kaum eine Ahnung über ihr Leben, über ihre Biographie, über ihre Vergangenheit. Was diese Menschen arbeiten, wissen wir gerade noch. Aber davon, wer sie eigentlich sind, wissen wir verdammt wenig.

Hat Olga eine Familie daheim? Wen hat sie zurückgelassen, und was hat sie dabei empfunden? Was wollte Olga mal werden, als sie in die Schule ging? Was für ein Leben hat sie sich gewünscht, als sie ihr Kind bekam? Wie hat sie sich Österreich vorgestellt, bevor sie es kannte, und wie erlebt sie es jetzt, da sie es aus der Nähe sieht?

Die Ukraine ist, auch wenn wir uns das manchmal gern so vorstellen, kein schwarzes Loch irgendwo im Osten, sondern ein Teil Europas. Olga ist Europäerin, und was sie denkt, tut und empfindet, ist wichtig für den Kontinent. Was erlebt sie bei ihrer Arbeit, auf der Straße und in den Geschäften? Wie schaut Österreich, aus ihrem Blickwinkel betrachtet, eigentlich aus? Hat sich Olgas Bild vom Westen verändert, seit sie hier ist? Es könnte sein, dass hier, bei ihrer Arbeit, ein neues Lebensziel entsteht. Es könnte sein, dass sie beschließt, ihr Kind später mal hierher zu holen. Dann wird es in die Schule gehen, und irgendwann ein kleiner Österreicher sein.

Das alles sind interessante Fragen, nicht nur für sie, sondern auch für uns. Man könnte sie einfach mal stellen, nächstes mal, wenn wir Olga über den Weg laufen.

 

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