In Osteuropa wurden nicht nur Industrien stillgelegt, sondern auch Menschen.

Sibylle Hamann

Was bleibt, wenn der Fortschritt weiterzieht? Stille. Wind. Rost. Und starke Bilder, wie sie derzeit in einer Ausstellung im Wiener Leopold Museum zu sehen sind. Der Fotograf Christoph Lingg hat den Osten bereist und dokumentiert, was vom realen Sozialismus übrig ist: Abgetakelte Stahlwerke; Schlote, die langsam in den von ihnen selbst verseuchten Ackerboden sacken; Maschinen und Spinde, die sich dem Efeu und den Flechten ergeben; zugige Werkshallen, in denen Dohlen nisten.

Das tschechische Ostrava, das polnische Niederschlesien, der russische Ural, die Industriezentren Rumäniens – überall hier wird derzeit ein Arbeits- und Arbeiterideal bestattet. Das Ritual erinnert ein bisschen an jenes der traditionellen Tibeter: Man lässt die Leiche im Freien liegen und hofft, dass die Vögel, der Wind und die Zeit alles restlos wegtragen werden.

Aus solchen Bildern lernt man, wie willkürlich die Maßeinheiten sind, in denen wir Leistung messen. Die Tonne Stahl. Die PS-Stärke. Der Energieverbrauch: Je mehr, je schwerer, je größer, desto besser. Das wirkt heute, in unserem luftig-schlanken Kommunikationszeitalter hoffnungslos vorgestrig. (Aber warten wir mal ab, wie vorgestrig unsere iPods ausschauen werden, wenn eine Fotografin dereinst das vergammelte Warenlager eines Apple-Stores ausbuddeln wird.)

Aus solchen Bildern erfährt man etwas über die Vergangenheit. Über eine Art Arbeit, die Muskelkraft und Männerschweiß verherrlichte, doch bloß Stillstand produzierte. Über ein Fortschrittsversprechen, das von Anfang an eine Lüge war. Und über ein System, das scheitern musste, weil es seine eigenen Lügen manchmal glaubte. Man kann aus den Bildern jedoch auch etwas über die Gegenwart des Ostens erfahren. Dafür muss man allerdings die Nase ganz nah hinstecken. Wer genau schaut, erkennt: Das ist nicht ganz tot. Da lebt noch was.

Zwischen zwei Stiegengeländern einer Werkshalle hängt, hinten in einer Ecke, eine Wäscheleine. Das wird ein Obdachloser sein, oder eine ganze Kolonie von ihnen. Vielleicht haben die sogar noch Wasser hier. Neben den zerbröselten Außenmauern einer Fabrik klaffen symmetrische Gräben. Da sucht offenbar jemand Rohre und Leitungen, um das Altmetall weiterzuverscherbeln. Anderswo sind die Löcher im Boden unregelmäßiger. Das könnten Bauern aus der Umgebung sein, die nach Kohlenstaubresten graben, um sich ein Zubrot zu verdienen. Und im Schatten einer Lagerhallte stehen Pferdegespanne mit handgezimmerten hölzernen Lastkarren. Vielleicht sind Roma da, die kurz oder länger Halt machen, um neue Ware zu suchen, aufzuladen und wegzubringen.

Auch diese Menschen sind Osteuropa. Sie sind sehr, sehr viele, obwohl man sie inmitten der allgemeinen Euphorie über den dortigen Wirtschaftsboom nur ganz unscharf sieht. Sie sind Rest, sie sind übriggeblieben, sie sind ganz an den Bildrand gedrängt, und das passiert ihnen nun schon zum zweiten mal. Nach der alten sozialistischen Forschrittslüge kam nämlich die neue Fortschrittslüge. Die heißt: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s allen gut.

Im Osten zumindest stimmt das ganz sicher nicht.

 

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