Wie ist das eigentlich, wenn man den ganzen Tag nichts zu tun hat? Super! Kein Wecker, der läutet. Man steht auf, wann man will. Man frühstückt solange man Lust hat, und dann überlegt man sich in Ruhe, wonach einem der Sinn steht. Ins Museum? Auf die Parkbank? Oder gleich aufs Sofa und einen schönen Film anschauen? Alte Freunde treffen oder ins Schwimmbad? Oder doch lieber durch die Trödelgeschäfte streifen, um endlich diesen Lampenschirm zu finden, den man schon lange sucht?

Endlos Zeit haben, keine Verpflichtungen, kein Termin: Wenn sich arbeitende Menschen versuchen, sich den Alltag von Arbeitslosen vorzustellen, dann ist das ungefähr so, als diskutierten Maulwürfe über die Raumfahrt.

Denn wer wirklich viel Zeit hat, weiß: Man kann auch zu viel davon haben. Zeit kann zermürben. Zeit kann sich so endlos dehnen, dass kein gutes Buch, kein Yoga-Kurs an der Volkshochschule, kein Marathontraining und kein Häkelpullover darin mehr Platz finden. Jede Minute schreit dich an: Schon wieder bin ich vergangen, und schon wieder hast du nichts Sinnvolles mit mir angestellt. Wozu komm ich überhaupt zu dir, undankbar, unentschlossen und unproduktiv, wie du bist? Der versteckte, permanente Vorwurf, der mitschwingt, wenn die Uhr tickt, muss sehr, sehr schwer zu ertragen sein.

Es ist seltsam: Wir leben in einer Umgebung, die uns dauernd entgegenschreit, wie gestresst wir sind. Die Werbejingles für die neuen, noch schnelleren Internetanschlüsse, die neuen, noch schnelleren Autos, das neue, noch schnellere Essen: Ruckzuck, in dreieinhalb Minuten fertig! Du brauchst das, denn du musst Zeit sparen! Du hast ja immer viel zu wenig davon! Du hast so unglaublich viel zu tun!

Die Gestressten sind angeblich überall. Genauer betrachtet, stimmt das jedoch gar nicht. Wir schauen uns um – und da sind sehr, sehr viele Menschen, die alle Zeit der Welt haben: Kleine Kinder. Alte Menschen. Langzeitarbeitslose. Wohnungslose. Jugendliche, die rumhängen. Frühpensionisten, die die Zeit totschlagen. Bummelstudenten in der Sinnkrise. Kranke, die nicht so „funktionieren“, wie sie sollten. Hausfrauen, die eigentlich lieber etwas anderes täten, aber nicht genau wissen, was. Menschen, die gern arbeiten würden, aber sich gar nicht mehr so genau dran erinnern können, wie das eigentlich geht. Alle diese Menschen haben nicht den Stress der Berufstätigen. Sie haben eine andere Art Stress: Trotzdem einen Platz zu finden in der Gesellschaft. Dazuzugehören.

Menschen mit unendlich viel Zeit sind nämlich unsichtbar. Sie sind keine Zielgruppe der Werbung. Sie sind politisch nicht relevant. Ihre Meinung zählt nicht. Weil sie nichts zu tun haben, haben sie meistens gleichzeitig kein Geld. Und können deswegen nicht einkaufen gehen.

So werden die schlechtgekleideten Alten rude zur Seite geschubst, wenn sie im Einkaufsgedränge ein bisschen zu langsam gehen. So werden die Jugendlichen in den Einkaufszentren schief angeschaut, wenn sie stundenlang rumhängen, ohne etwas zu konsumieren. So werden die Obdachlosen aus den Bahnhöfen verscheucht.

Der öffentliche Raum gehört ausschließlich jenen, die keine Zeit haben, ihn auch zu benützen. Warum eigentlich?

 

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