Mit der Gleichberechtigung ist es eine seltsame Sache. Aus Frauensicht müsste sie eigentlich längst erledigt sein. Denn Frauen meinen, sie hätten ihren Teil des Deals längt erfüllt.

Ihr Auftrag lautete: Stellt euch beruflich auf eigene Beine und erobert die Hälfte der Arbeitswelt. Das haben sie getan. Mädchen haben heute die besseren Noten in der Schule. Frauen machen die Mehrzahl der Universitätsabschlüsse. Sie haben gelernt, Flugzeuge und Anwaltskanzleien zu lenken, Raketen und Frückstücksflocken zu produzieren. Sie haben gezeigt, dass man Kanzlerin werden kann und Soldatin. Sie machen ihre Sache gut.

Eigenartig ist bloß: Die versprochene Gegenleistung will sich nicht recht einstellen. Frauen tun, was Männer tun, nur eben zusätzlich. Denn daran, ihre traditionellen Aufgaben abzutreten, sind sie gescheitert – die Verantwortung fürs Kümmern und Pflegen, Trösten und Nähren. Man nennt sie jetzt „Powerfrauen“ oder „Alphamädchen“, doch sie räumen immer noch den Geschirrspüler aus, und sie sind erschöpft. Sie wissen, dass man stets tapfer lächeln sollte, um nicht als frustrierte, verhärmte Zicke dazustehen. Aber ein bisschen betrogen fühlen sie sich doch.

Gleichzeitig sind die Männer ebenfalls unzufrieden. Auch sie meinen, zu kurz zu kommen, und fühlen sich im Geschlechterklischee gefangen. Ihnen wird hundertprozentige Hingabe an die Arbeit abverlangt, wenn sie ein toller Hecht sein wollen, und eine Ernährerrolle aufgebürdet, die oft sehr schwer zu tragen ist. Scheidungsväter klagen darüber, nicht Väter sein zu dürfen. Und jeder, der reich und mächtig geworden ist, klagt am Ende seiner brillianten Karriere routiniert darüber, zu wenig Zeit mit seiner Familie verbracht zu haben.

Was jedoch zur entscheidenden Frage führt: Warum tun Männer eigentlich so wenig dafür, um genau das zu verändern? Was hat speziell den erwähnten reichen, mächtigen Entscheidungsträger – in der Politik oder in der Wirtschaft – davon abgehalten? Warum sind es stets Mamas, die auf die Barrikaden steigen, um für Papamonate zu streiten? Warum machen das die Papas eigentlich nicht selber?

Zu tun gäbe es genug: Die Lebensarbeitszeit besser zu verteilen, damit neben der Arbeit auch noch ein Leben Platz hat; und damit man nicht mit fünfzig direkt vom Burnout in die Frührente schlittert. Die Karrieremuster so zu verändern, dass nicht bloß befördert wird, der am längsten im Büro sitzt. Teilzeitarbeit mit Führungsfunktionen zu verbinden. Auszeiten zuzulassen. Und Lebenserfahrungen zu belohnen, die außerhalb der Bürowände gemacht werden – sei es in der Familie oder in einem Ehrenamt.

Männer fehlen. Sie fehlen als Väter. Und sie fehlen, im übertragenen Sinn,
in allen gesellschaftlichen Bereichen, die der Reproduktion zugeordnet werden;
in den Schulen und in den Sozialberufen, in der Pflege und in der Jugendarbeit.
Männer hätten hier viel zu tun. Sie könnten zeigen, dass richtige Männer nicht
nur zum Naseputzen, sondern auch zu komplexen Erziehungsaufgaben fähig sind.

Männer endlich gleichberechtigt ernst zu nehmen, als Kümmerer, Nährer und Erzieher, wäre der Schritt, der die Gleichberechtigung der Geschlechter erst komplett macht. Wovor fürchten sie sich eigentlich?

 

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