Ja, klar. Aber man sollte dabei nicht frauenfeindlich werden.

Sibylle Hamann

Nein, als Amerikanerin würde ich wahrscheinlich nicht für Hillary Clinton stimmen. Ich hätte Heidemaria Onodi nicht gewählt, wäre ich Niederösterreicherin. Ich habe einst Benita Ferrero-Waldner ebensowenig gewählt wie Susanne Riess-Passer. Ich will überhaupt keine Person wählen, bloß weil sie männlich oder weiblich ist.

Trotzdem stößt es mir sauer auf, wenn irgendeine Frau, die ich nicht wählen würde, sei es Benazir Bhutto oder Barbara Rosenkranz, mit frauenfeindlichem Zungenschlag kritisiert wird. Weil sich so eine Geisteshaltung nie bloß auf die Kritisierte bezieht. Und weil das früher oder später auf alle Frauen zurückfällt. Derselben Logik folgend, könnte sich ein afroamerikanischer Hillary-Fan wohl nicht sehr freuen, wenn seine Kandidatin mit rassistischen Parolen den Sieg davontrüge.

Wie aber erkennt man Frauenfeindlichkeit? Woran verrät sie sich, auch an Orten, an denen normalerweise die Aufklärung zu Hause ist, zum Beispiel in dieser Zeitung? Das ist gar nicht so einfach. Und es ist gar nicht so einfach, es zu benennen, ohne sofort als Zicke dazustehen. (Beim Wort „Zicke“ fängt das Problem eigentlich schon an.)

Ein verdächtiges Indiz ist zunächst einmal, wenn Frauen an anderen Maßstäben gemessen werden als Männer. Welche Worte und Taten gelten als bewundernswert, welche als abstoßend? Was geht gerade noch durch, was ist völlig inakzeptabel? Wo ein Mann „nüchtern“ ist, ist eine Frau bald „eiskalt“ oder „berechnend“. Wo er „mutig“ ist, gilt sie schnell als „brutal“. Er ist „ehrgeizig“, sie ist „überehrgeizig“. Letzteres ist überhaupt ein Wort, das speziell für Frauen erfunden wurde. Es will sagen: Da nimmt sich eine mehr als ihr zusteht. Hillary Clinton hat es oft gehört.

Frauenfeindliche Argumente weisen einer Frau von oben herab einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zu, und messen sie anschließend daran, ob sie dieser Platzanweisung folgt. Ein schönes Beispiel dafür fand sich jüngst hier in einem Leitartikel: Die ehemalige First Lady, hieß es da, sei „eine machthungrige Person, die ihre Interessen über die Chance auf eine Heilung des Landes stellt.“ Sie solle jetzt „wahre Größe zeigen und von sich aus auf ihre Kandidatur verzichten“, nur dann wäre sie „ein leuchtendes Beispiel für Selbstlosigkeit, Klasse und Würde“. Soll heißen: Überlass das Ringen um die Macht gefälligst jenen, die dafür auserkoren sind. Setz dich still in die Frauenecke und besinn sich auf Verzicht und Selbstlosigkeit; dann loben wir deine Tugend in den höchsten Tönen. Wenn nicht, dann werden wir dich schmähen.

Derselben Logik folgend, könnte man Barack Obama daran erinnern, dass Schwarze in der amerikanischen Gesellschaft eigentlich zum Dienen bestimmt sind. Man könnte ihn väterlich tadeln, dass er sich mit dem Griff nach der Macht mehr anmaßt, als ihm zusteht. Man könnte ihn mahnen, zum weißen Mann gefälligst aufzuschauen, und ihm versprechen, ihn zu loben, wenn er brav Demut zeigt.

Dass eine derartige Argumentation rassistisch wäre, ist offensichtlich. Warum geht sie bei Frauen durch?

 

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