Ein bisschen Öffnung gibt es nicht. Das zeigt sich dieser Tage in Tibet.

Sibylle Hamann

Tibet ist für die kommenden olympischen Spiele sehr wichtig. Das liegt an einem Pilz. Der heißt Cordyceps sinensis und befällt die Raupen einer bestimmten Mottenart. Er mumifiziert die Raupe, indem er sich in ihrer Haut ausbreitet. Er wächst er aus ihrem Kopf heraus, wird etwa zehn Zentimeter lang, stößt durch die Erdoberfläche und kann dann gesammelt und getrocknet werden.

Das Ergebnis, ein schrumpeliges wurmartiges Gebilde, heißt Yartsa Gunbu (auf tibetisch) oder Dong chong xia cao (auf chinesisch) und kostet mehrere tausend Euro das Kilo. In der traditionellen Medizin ist das Zeug nämlich sehr wichtig: Es wirkt kräftigend und stressreduzierend und wird vor allem in der Rehabilitation eingesetzt. Seit den chinesischen Meisterschaften im Jahr 1993 gilt es auch als sportliches Wundermittel. Ma Zunren, Trainer der Leichtathletinnen, führte seine Mädchen damals zu Weltrekorden über 1500, 3000 und 10.000 Metern. Nein, das sei kein illegales Doping gewesen, sagte er, sondern bloß der gute alte Pilz. Seither ist die Nachfrage riesig. Heute, da die chinesischen Athletinnen und Athleten wild entschlossen sind, bei den Sommerspielen die USA zu übertrumpfen, ist sie größer denn je.

Für die Tibeter bedeutet das: Sie können sehr viel Geld verdienen. Denn der begehrte Pilz samt Mottenraupe wächst nur bei ihnen. Er mag grasbewachsene sumpfige Erde und Höhenlagen von mindestens 4000 Metern. Im tibetischen Hochland lässt er sich, im Gegensatz zu Eierschwammerln hierzulande, sogar in Plantagen kultivieren. Für die Bauern ist er mittlerweile die allerwichtigste Einnahmequelle für Bargeld geworden.

Der Pilz hat die tibetische Landbevölkerung also quasi an den nationalen Geldmarkt angeschlossen. Ähnliches ist durch die Eisenbahn geschehen, die seit vergangenem Jahr von Peking nach Lhasa verkehrt und Waren, Nahrungsmittel, Studenten, Post, Händler, Mönche, DVD-Player, Mopeds und Touristinnen transportiert. Tibet erlebt seit sieben Jahren ein überdurchschnittlich kräftiges, konstantes Wirtschaftswachstum. Die Einkommen sind im vergangenen Jahr um 13 Prozent, in den Städten gar um ein Viertel gestiegen.

Gut möglich, dass die chinesische Führung damit gerechnet hat, das sich die Tibet-Frage quasi von selbst erledigt, wenn sie bloß für Wirtschaftswachstum sorgt. Wer braucht schließlich Religionsfreiheit, wenn es Jobs und Cash gibt? Und wer fordert noch ethnische Selbstbestimmung, wenn man auch DVD-Player haben kann? Doch genau da hat sich das Politbüro offenbar geirrt.

Die letzten Berichte, die ausländische Augenzeugen verfassten, ehe sie ausgewiesen wurden, stimmen nämlich in einer wesentlichen Beobachtung überein: Treibende Kraft der jüngsten Revolte waren zornige junge Männer. Nicht im Büßergewand, sondern in der Lederjacke. Menschen, die schon einen Zipfel vom Wohlstand erhascht haben. Die eine Vorstellung von der Welt draußen haben, und eine Ahnung davon, was das Leben alles bieten könnte.

Ein bisschen Öffnung, ein bisschen Wohlstand macht nämlich nicht brav und zufrieden. Es spornt an. Es schürt Vergleiche und Ungeduld. Es verlangt nach mehr.

 

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