Es muss nicht immer ein schlechtes Zeichen sein, wenn in der Politik nichts weitergeht.

Sibylle Hamann

Anzunehmen, dass Politiker ab und zu feuchte Träume haben. Rein beruflichen Inhalts, versteht sich. Ein Politikertraum geht wahrscheinlich so: Man steht am Fenster eines noblen Amtssitzes. Der Blick schweift über Feld und Flur, Antennen und Skylines. Man blinzelt in den Sonnenaufgang, streckt sich und denkt über die Agenda für die kommenden Monate nach. Bauen wir einen Hochleistungsbahnhof oder lieber einen Autobahnknoten? Machen wir eine Steuerreform für die Reichen oder besser eine für die Armen? Setzen wir auf Biotechnologie oder auf Tourismus? Krempeln wir die Lehrerausblidung um oder zuerst das Spitalswesen? Schenken wir dem Volk ein Kino, eine Markthalle – oder zur Abwechslung ein schickes Parlament?

In seinen feuchten Träumen liegt dem Politiker das Land zu Füßen und schnurrt. Es lässt sich lenken ohne zu murren und ist geschmeidig wie Plastilin. Es gibt keine Sachzwänge und keine Interessenkollisionen, keine Empfindlichkeiten und kein Gesudere, weder Gewerkschaften noch bornierte Standesvertretungen, weder Untersuchungsausschüsse noch Bürgerbeteiligungsverfahren. Man denkt sich einfach etwas aus, und es passiert.

So ähnlich geht es, nicht im Traum, sondern in der Wirklichkeit, derzeit Michael Schindhelm in Dubai, wie man im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ nachlesen kann. Einst ging Schindhelm mit Angela Merkel in die Schule. Heute ist er Kulturmanager und wurde von Scheich Mohammed engagiert, um aus Dubai eine internationale Kulturmetropole zu machen. Schindhelm sitzt nun in seinem Apartment 300 Meter über der Erde. Fern unten wuseln Autos, klein und berechenbar wie Ameisen. Er kann heute entscheiden, welchen internationalen Starchitekten er für das neue Opernhaus engagiert. Ob das Museum eher in Richtung Guggenheim oder Louvre gehen soll. Ob man einen neuen Freizeitpark baut oder eher eine künstliche Insel im Meer aufschüttet.

Der Scheich will Kultur. Von Schindhelm kriegt er Kultur. Jene Kultur zumindest, die man (unter Einhaltung einiger Schicklichkeitsregeln) für Geld kaufen kann, und Geld spielt keine Rolle. Aus der Erde fließt jeden Tag frisches Öl, das Öl gehört dem Scheich, der Scheich wird deswegen jeden Scheck unterschreiben. Mit Hindernissen ist nicht zu rechnen.

Dubai ist ein Ort mit wenig Vergangenheit, und als solcher ein ideales Biotop für Menschen, die sich „Macher“ nennen. Wo noch nicht viel war, ist beinahe alles möglich. Da stehen keine traumatischen Erinnerungen im Weg, keine historischen Verpflichtungen, keine alten Rechnungen, keine Sentimentalitäten. Man kann das eine tun – oder auch das Gegenteil. Alles geht. Weil alles gleichgültig ist.

Vielleicht fühlt sich Michael Schindhelm, der Macher, der alles machen kann, was er will, deshalb so seltsam. Wenn er träumt, träumt er wahrscheinlich von Hindernissen. Von Widerstand und Widerspruch, die einem Vorhaben erst Bedeutung verleihen. Von Hindernissen, die beweisen, dass es um etwas geht.

Sand im Getriebe kann wertvoll sein, Sinn erzeugen und Freude an der Politik machen. In der Wüste sowieso.

 

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