Haben die Schaukämpfe am Herd bald ein Ende? Hoffentlich.

Sibylle Hamann

Wenn Sie ein paar erfolgreiche, halbwegs wohlhabende und auf ihr Image bedachte Menschen kennen, dann kennen Sie ganz bestimmt auch die Designerküche. Die ist heutzutage in der Regel ein monströser, blitzender Vierkant-Block aus Edelstahl, befindet sich freistehend mitten im Raum wie ein Landeplatz für außerirdische Hubschrauber, ist mit handgefertigten japanischen Schneid-, Schleif- und Wetzgeräten ausgerüstet wie eine futuristische Folterkammer. Und schaut aus wie ein Altar.

So eine Designerküche steht selbstverständlich nicht zufällig da. Sie wurde geplant, installiert und bezahlt, um jedem Besucher eine Botschaft entgegenzuschreien: Ich bin das kommunikative Zentrum einer wuselnden Großfamilie! Hier wird gekocht, gegessen, geschlemmt, genossen und gelacht, dass sich die Balken biegen! Hier finden, benetzt von gutem Wein und edlem Olivenöl, Beziehungen statt, Leidenschaft und Streit, Liebe und Eifersucht, Nachbarschaft, Networking und Patchwork! Hier herrscht jeden Tag das pralle Leben!

Eines allerdings ist seltsam: In den seltensten Fällen löst eine derartige Küche dieses Versprechen auch ein. Je lauter die Botschaft, die der fünfflammige Multifunktionsherd verkündet, desto seltener wird er aufgedreht. Denn je teurer die Küche, desto kleiner ist normalerweise die Familie, und je mehr Geld man verdient, desto weniger Zeit ist füs pralle Leben übrig.

Die zwecklose Designerküche ist daher so etwas ähnliches wie das zwecklose Geländeauto. Ein Indoor-SUV, quasi. Beide sind, vom Prinzip her, die materielle Antwort auf eine immaterielle Sehnsucht. Man spürt, dass etwas fehlt. Das echte, große Gefühl, die unmittelbare, ungefilterte, raue Empfindung. Doch weil man keine Ahnung hat, wo man die kaufen kann, kauft man zumindest ein Ding, das einem zuflüstert: Ich bin hier, ich bin dein Fahrschein ins richtige Leben! Gemeinsam können wir zumindest so tun als ob!

Wie es sich wohl anfühlt, in der Wüste kurz vor Timbuktu, wenn die letzten Wasservorräte aufgebraucht sind? Wie es sich wohl anfühlt, im Schneegestöber am Berg mit der Stoßstange eine Gams zu erlegen? Und wie werden erst die Gäste staunen, wenn man diese Gams anschließend mit stummem Wildererblick auf den Küchenblock knallt? Ob das Tier dann mit den handgeschmiedeten japanischen Messern filetiert wird, oder lieber, verwegen und männlich, mit der Axt? Laut lachende italienische Nachbarinnen kommen in solchen Phantasien vor. Vor Glück glucksende Kinder mit schokoladeverschmierten Mündern. Rotwangige Omas in Küchenschürzen, die duftenden Apfelkuchen backen.

Es ist so schäbig, was von diesen Phantasien im wirklichen Leben übrigbleibt.

Was übrigbleibt: Geländewagen, deren monströse Reifen noch niemals nackte Erde berührt haben. Geländewagenfahrer, die mit ihren Stoßstangen Omas und schokoladeverschmierte Kinder vom Zebrastreifen fegen. Und genervte Putzfrauen, die in fettfreien, geruchlosen, sterilen Küchen leise fluchen. Edelstahl ist nämlich verdammt schwer sauber zu kriegen. Und blitzen soll es wenigstens, wenn auch sonst alles Lüge ist.

 

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