Wer oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, kennt das Gesetz der Serie. Erst fährt man jahrelang unbehelligt in der Gegend herum, dann lauern die Fahrscheinkontrollore plötzlich hinter jeder Ecke. Man kramt nach dem Fahrschein. Man fragt sich, was denn wäre, wenn man ihn zufällig, gerade dieses eine mal, vergessen hätte, und merkt, dass das wahrscheinlich keine sehr gute Ausrede ist. Wie auch immer. Erwischt zu werden kann peinlich sein. Es kann teuer werden. Aber wirklich tragisch ist es nicht.

Tragisch ist etwas anderes: Wenn man merkt, dass man, als wohlgekleidete blonde Frau, gar nicht im Mittelpunkt des Kontrollinteresses steht. Täuscht der Eindruck, oder werden tatsächlich immer jene genauer kontrolliert, die ein bisschen anders ausschauen als der Durchschnitt? Vielleicht ist das nur in Wien so. Sehr wahrscheinlich ist es auch nicht immer so. Aber es kommt vor: Dass die Kontrollore einen Blick in den Waggon werfen, zielstrebig auf die einzigen beiden Schwarzafrikaner oder auf die beiden Punks zusteuern, die drin sitzen, und alle anderen Fahrgäste keines Blickes würdigen.

Es ist gut möglich, dass Kontrolleure gewisse Erfahrungswerte haben. Vielleicht erkennen sie Schwarzfahrer am panischen Blick; daran, wie sie rasch die Fluchtoptionen sondieren oder versuchen, unter der Bank zu verschwinden. Vielleicht werden bei der Kontrolleurs-Schulung auch Statistiken gelehrt, die belegen können, dass Menschen mit gewissen Hautfarben, Haarfarben oder Kleidungsstilen – rechnerisch gesehen – öfter schwarzfahren als andere. Dann würden Kontrollore, wenn sie die einen häufiger kontrollieren als andere, einfach nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit handeln, also nicht prinzipiell bösartig.

Aus dem Blickwinkel des einzelnen Schwarzen, des einzelnen Punks betrachtet, stellt sich das jedoch anders dar: Er hat das Gefühl, er steht unter Generalverdacht. Bloß weil er so aussieht, wie er aussieht. Und bekommt das bei jeder Amtshandlung zu spüren. Denn der Fahrscheinkontrolleur ist ja nicht der einzige, der von der äußeren Erscheinung auf innere Werte schließt. Da gibt es auch noch den Polizisten und den Kaufhausdetektiv, den Taxifahrer und die Verkäuferin.

in Amerika kennt man dieses Problem gut. Dort heißt es „racial profiling“ und gilt als rassistisch. Und ist deswegen ausdrücklich verboten. Es mag schon sein, dass ein einzelner Verkehrspolizist auf einen schnelleren Fahnungserfolg hofft, wenn er nach einem Autodiebstahl vor allem Autofahrer schwarer Hautfarbe kontrolliert. Doch das Gesetz erlaubt ihm das nicht, aus einleuchtenden Gründen. Erstens: Wie kommt ein rechtschaffener schwarzer Fahrer eines Mittelklassewagens dazu, sich im Straßenalltag permanent als Dauerverdächtiger fühlen zu müssen? Und macht man nicht, zweitens, dem weißen Autodieb das Geschäft allzu leicht, indem sich dieser von vornherein vor Kontrollen sicher fühlen kann?

Nach der gleichen Logik sei den Straßenbahnkontrolloren hier ein Hinweis gegeben: Gut möglich, dass blonde Frauen die notorischsten Schwarzfahrer von allen sind. Solange Sie nicht alle gleich behandeln, werden Sie das allerdings nicht erfahren.

 

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