Die traditionell-autoritäre Familie hat keinen Vertrauensvorschuss verdient

Sibylle Hamann

Eben standen sie noch in Cowboypose an der niederösterreichischen Grenze. Mit rauchendem Colt, im konkreten und im übertragenen Sinn. Auf drei rumänische Betrüger hatte die Polizei geschossen, einer wurde tödlich getroffen, und das sei schon in Ordnung gewesen, sagte der Innenminister. Ähnliches sagte, nur damit draußen in der Welt keine Missverständnisse entstehen, auch Landeshauptmann Erwin Pröll. „Ich sehe ein Signal weit über Österreich hinaus, das besagt: Wer in Niederösterreich etwas anstellt, der muss mit dem Schlimmsten rechnen.“

Damit war das Böse gewarnt. Das Böse, das stets in weiter Ferne lauert, bereit, einen unaufmerksamen Moment zu erwischen, um in unsere schöne Idylle einzudringen. Gut, dass wir so wehrhaft sind. Dann bleibt alles gut, zu Hause.

Man kennt die Szene aus Horrorfilmen: Jene, in der die bedrohte Frau alle Türen verrammelt, um den Gewalttäter auszusperren – bloß um sich umzudrehen und zu merken, dass er längst schon direkt hinter ihr steht. So ähnlich geht es, metaphorisch gesprochen, in diesem Moment Günther Platter, Josef Pröll und wahrscheinlich den meisten von uns. Jemand in Niederösterreich hat etwas angstellt. Aber das Böse ließ sich nicht aussperren, es war nämlich längst da. Das Böse wohnt bei uns, hinter der Thujenhecke, im Einfamilienhaus mit Hobbykeller. Es hockt tief unten im allerheiligsten Gral der Gesellschaft, in der Familie, und grinst.

Bei näherer Betrachtung ist das Böse in unserer traditionellen patriarchalen Familie auch ganz gut aufgehoben. Kusch, heißt es hier. Was der Papa sagt, gilt. Was er im Keller macht, geht niemanden was an. Wenn er dich bestraft, wirst es schon irgendwie verdient haben. Eine 16jährige, die ausreißt? Ein überspanntes, missratenes Mädel wahrscheinlich, das eine harte Hand braucht. Also ab nach Hause. Grüßen ist wichtig. Ruhe geben. Was sollen denn die Nachbarn denken. Und wenn Babies auf der Türschwelle liegen – die werden in so einer Familie schon gut aufgehoben sein. Sind ja verheiratet, die Leute, und beim Polizeisportverein dabei.

Sagen wir es andersherum: Wer hierzulande die Familie „bedroht“ und „zerrüttet“ wähnt, hat üblicherweise Scheidungen, Alleinerziehende und homosexuelle Partnerschaften im Sinn. Die autoritäre patriarchale Familie hingegen genießt immer noch einen emotionalen und institutionellen Vertrauensvorschuss, den sie eigentlich nie und nimmer verdient. Jedenfalls nicht, wenn man ehrlich aufrechnet, was sie über die Jahrhunderte und in allen Kontinenten schon an Zerrüttung, Zerstörung und Gewalt angerichtet hat.

Der Bezirkshauptmann von Amstetten nannte die Kinder der Familie Fritzl „toperzogen“ und lobt ihr „ausgezeichnetes Benehmen“. Was genau hat derselbe Mann eigentlich gemeint, als er in der unsäglichen Sendung „Im Zentrum“ sagte: „Ich habe selber drei Kinder, und bin sehr dankbar, dass meine Frau bei ihnen zu Hause bleiben konnte“? Dass ein traditionelles Familienmodell vor sexuellem Missbrauch schützt? Dass Väter eher gewalttätig werden, wenn die Ehefrau arbeiten geht?

Es kann ganz schön unheimlich werden, bei uns zu Hause.

 

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