Völlig losgelöst von der Erde schwebt die Raumkapsel ORF. Man merkt es dem Programm an.

Ein Kommentar.

Irgendwann muss es leise „klick“ gemacht haben, und jemand löste die Ankerschnur. Jene Ankerschnur, die die Raumkapsel ORF zumindest lose mit dem Mutterschiff Erde verband. Vielleicht haben irgendwelche Generatoren zu laut gebrummt, vielleicht waren alle in Sitzungen unabkömmlich, bemerkt hat das „klick“ jedenfalls niemand. Seither irrt die Kapsel ungesteuert durchs All.

Wenn es regnet, ragen ihre Kanten nur schemenhaft aus den Wolken. Wenn die Sonne scheint, glitzert sie silbrig, beinahe wie eine Discokugel. Mutter, Vater und Kinder, die fest mit beiden Beiden auf der Erde stehen, recken manchmal neugierig die Köpfe hinauf und sagen: Jö, schau dort oben, der ORF! Wer da drin wohnen mag? Ob diese Wesen wohl fühlen wie wir? Und gehts ihnen dort eh gut?

Man darf, ganz nüchtern, vermuten: Es geht ihnen gut. Mitleid ist unangebracht. ORFler verdienen Geld. Sie sind kranken- und unfallversichert, können sich im Garderobenfundus kleiden, haben Heizung und Parkplätze und kriegen genug zu essen. Man muss trotzdem, ganz nüchtern, feststellen: Dass sie nicht auf der Erde arbeiten, sondern in ihrer eigenen kleinen Welt in outer space, sieht man dem Programm an. Und das tut dem Land nicht gut.

Das Problem beginnt bei der Geographie. Wer auf den Küniglberg fährt, verlässt die belebte Zone des Landes. Es gibt auf dem Hügel einen Teich (Löschwasser? Goldfische?). Aber man kann dort oben wahrscheinlich komplette Berufsbiographien beenden, ohne jemals an einen Betriebsfremden angestreift zu sein. Da ist kein schicker Kebap-Stand und kein peinliches Sonnenstudio, keine goscherte Hausmeisterin, kein schwulenfeindlicher Trafikant, kein stinkender Hammel im Hinterhof, kein Hinterhof. Zufällig oder versehentlich ist am Portal wohl noch nie jemand vorbeigekommen. Um schnell mal mit wem (außerhalb der Kantine) einen Kaffee zu trinken, muss sich ein Redakteur wahrscheinlich einen halben Tag freinehmen. Und um zu recherchieren, wieviel (außerhalb der Kantine) eine Wurstsemmel kostet, muss er ins Auto steigen und nach Hietzing fahren.

Lauschiges Cocooning am Ende der Welt mag für Verliebte, Heimatdichter oder nervenschwache Softwareentwickler okay sein. Aber für Menschen, deren Aufgabe es ist, Öffentlichkeit herzustellen? Wie soll das gelingen, wenn man Öffentlichkeit nur vom Hörensagen kennt?

Wer sich auf Dauer von Widerspruch abschottet, läuft Gefahr, sich selbst allzu wichtig zu nehmen – und zum Maßstab aller Dinge zu machen. So entstehen selbstreferentielle Systeme. Sie haben ihre eigene Sprache und eine eigene Währung. Sie entwickeln eigene Tröstungs- und Bestrafungsrituale: Besteht mein neues Büro aus mehr oder weniger Steckkasten-Modulen als mein altes? Liegt es näher an der Generaldirektion? Oder bin ich endlich unbrauchbar genug geworden, um für noch mehr Geld überhaupt nicht mehr arbeiten zu müssen?

Wer drin ist, hält sowas für normal. Und beginnt selbst zu glauben, dass das, was ihn umgibt, die Wirklichkeit ist. Wir kennen das Phänomen aus Turkmenistan, wo dem Herrscher, als es daran ging, die Monate zu benennen, nur die Namen seiner Mama und der engsten Anverwandten einfielen: Wenn Sendungsverantwortliche des ORF über Meinungen, Themen oder interessante Menschen nachdenken, dann können sie sich stets bloß auf jene besinnen, die sie bereits aus dem Fernsehen kennen. Die immergleichen Politikfunktionäre werden wahrscheinlich von einem fix installierten unterirdischen Förderband hertransportiert. Die immergleiche hauseigene Prominenz bringt man offenbar mehrmals täglich direkt aus dem Keller herauf, wo sie gezüchtet wird. (Wie pflanzen die sich eigentlich fort? Durch Zellteilung? Tanzend? Unter Wärmelampen?)

Die wenigen Freaks aus dem normalen Leben schließlich, die ab und zu andocken – eine Lehrerin vielleicht, ein richtiger Einwanderer, einmal im Jahr eventuell sogar ein echter lebender Jugendlicher – werden einzeln von Taxis auf die Laderampe gekippt und nach Benützung gleich wieder ausgespuckt wie Gewölle: Du bist fremd. Du bist Volk. Gib dir keine Mühe.

Ab und zu kommt dann noch ein leise piepsendes Funksignal an. Es ist eine verschlüsselte Botschaft vom Mutterschiff Erde und heißt „Quote“. Diese Botschaft ist verdammt wichtig, aber verdammt schwer zu deuten, denn sie kommt von weit her. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie die Kapselbewohner jeden Morgen über der Quote brüten, und daran verzweifeln, wie sie Tag für Tag schlechter wird, unaufhaltsam, unerbittlich: Was uns das Leben wohl sagen will? Ob uns das Volk nicht versteht? Ob der Fehler bei den Empfangsgeräten liegt? Wahrscheinlich brauchen wir wieder eine neue Imagekampgane!

In solchen Momenten fühlt sich ein ORFler wahrscheinlich sehr allein. Er weiß zwar, wie er einst in die Kapsel kam, ist sich aber nicht sicher, ob es auch einen Ausgang gibt. Er zweifelt, ob er noch atmen und gedeihen könnte, ohne die schützende Hülle, draußen, in der rauen Luft. Diese Unsicherheit macht abhängig. Sie macht Angst. Sie macht paranoid. Das ist nicht gut. Und deswegen wärs an der Zeit, wenn der ORF einfach mal herunterzieht vom Küniglberg, zu uns, ins Leben.

 

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