Der olympische Fackellauf ist keine nette Geste der Völkerverständigung.

Sibylle Hamann

Als Propagandaminister Goebbels sich die Choreographie für den olympischen Fackellauf ausdachte, hatte er wohl Großes im Sinn. Die Geschichte neu zusammenzuknüpfen – von der Antike direkt ins Tausendjährige Reich, zum Beispiel. Oder: Eine Spur durch Europa zu legen, damit man sich später, auf einem Feldzug, leichter tut. Leni Riefenstahl, die das Ritual für ihren Film „Olympia“ in Bilder goss, mag etwas abweichende Interessen gehabt haben: Die Verherrlichung des gestählten Körpers vielleicht (immerhin waren die 3331 Staffelläufer im Jahr 1936 ausschließlich zu Fuß unterwegs).

Um Völkerverständigung, darf man annehmen, ging es den beiden PR-Spezialisten eher nicht. Mit einer Fackel in der Hand durch fremde Dörfer und Städte zu laufen, war nicht als nette nachbarschaftliche Geste gemeint, sondern als herrische. Das Ritual markierte Territorium. Und wenn von sportlichen Siegen die Rede war, waren andere Siege mitgemeint.

Diese Botschaft kam an. In den Ländern jedenfalls, in denen die Fackel vorbeikam, wurde sie genau so verstanden. Die Konsequenz war nur logisch: Wenn eine banale Flamme mit Herrschaftsanspruch aufgeladen ist – dann kann man den Herrschaftsanspruch in Frage stellen, indem man die Flamme löscht. Das versuchten sie denn auch, immer wieder entlang der Strecke. Die Jungkommunisten in Griechenland, anti-deutsche Gruppen in Jugoslawien. In Wien passierte nichts. In Prag lauerten dann deutsche Exilanten auf ihre Chance.

Das Olympische Komitee wird an diese Geschichte nicht gern erinnert. Ist doch eine fesche Sache, dieser Staffellauf! Muskeln und Feuer, Kraft und Freude, Fit&Fun: ein 1A-Motiv für ein TV-Event in Fortsetzungen. Die Naturkulisse wechselt, die Volkstrachten ebenso: was für ein toller HIntergrund für die Tourismuswerbung! Immer was dabei, was sich sponsortechnisch vermarkten lässt. Man kann die Staffel in der Luft übergeben, bei einem Fallschirmabsprung. Oder unter Wasser, von einem Taucher zum anderen. Die Flamme kann in einer Concorde fliegen oder in einer Mondrakete, sie ist kombinierbar mit einem Coca-Cola-Werbebanner oder einem für Kim-Jong-Il. Hätten es Goebbels und Riefenstahl nicht getan – man hätte das Ganze glatt selber erfinden müssen.

Der herrische Geist, der im olympischen Fackellauf steckt, ist also nicht immer sichtbar. Er macht sich ganz klein, wenn die Umstände friedlich und freundlich sind, und schlummert, wenn es niemand auf Provokation anlegt. Aber er erwacht sofort, wenn er spürt, dass er gekitzelt wird. Wenn jemand wieder einmal Territorium markiert, und der ganzen Welt zeigen will, wo Macht und Stärke zu Hause sind.

Die „Reise der Harmonie“, die sich das chinesische Propagandaministerium ausgedacht hat, ist, mit 137.000 Kilometern, länger als jede zuvor. Sie umspannt alle Kontinente, China gleich zweimal, und legt besonderes Augenmerk darauf, die Gebiete der ethnischen Minderheiten zu markieren. Die chinesische Flamme will so hoch hinauf wie noch keine, nämlich auf den Mount Everest. Warum bloß hat sich China, ohne Not, derart verwundbar gemacht?

 

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