Die Gemeinde Wien hat die Würfeluhren an einen privaten Sponsor verscherbelt. Eine Kleinigkeit? Ja, aber eine symbolträchtige.

Sibylle Hamann

Begonnen hat alles mit dem Fließband. Für den Schmied war es ja eigentlich egal, um welche Uhrzeit genau er morgens seine Werkstatt aufsperrte, Feuer machte und mit der Arbeit begann. Hauptsache, sein Werkstück wurde irgendwann fertig. Dann aber kam die Industrialisierung, mit Fabriken, arbeitsteiliger Produktion, Fließband und Schichtarbeit. Da mussten alle Arbeiter pünktlich zur gleichen Zeit zur Stelle sein. Sonst konnte man nicht anfangen.

Und plötzlich war die öffentliche Uhr wichtig. Was sie anzeigte, galt für alle; sie zwang alle in denselben Takt; jeder musste sie anschauen. Kein Wunder, dass es dem Fabriksbesitzer am liebsten war, wenn seine große Fabriksuhr jeweils die einzige weit und breit blieb. Eventuell konnte man dann sogar dran herumdrehen und die Arbeitsschichten ein kleines bisschen verlängern, ohne dass es jemand merkte.

Die zweite Herrin über die Zeit, die Konkurrenz zum Kapitalismus quasi, war die Kirche mit ihren Kirchturmuhren. Dass die Pfarrer längere Gebetszeiten herausgeschunden hätten, indem sie an den Zeigern drehten, ist nicht überliefert. (Hätte wohl auch nichts genützt, weil es beim Beten, im Gegensatz zur Schichtarbeit, nicht auf die Minuten ankommt.) Doch auch die Kirchturmuhr, samt Glocken, maßte sich an, alle Menschen in der Umgebung an ihre Pflichten zu erinnern und strukturierte damit den Tag. Ähnlich wie das, in islamischen Ländern, heute noch der rufende Muezzin macht.

Dass Herrschaft über die Zeit Macht bedeutet, muss den Wiener Stadtvätern bewusst gewesen sein. Sonst hätte die Gemeinde nicht, im 19. Jahrhundert schon, begonnen, die Kirchturmuhren zu „öffentlichen Uhren“ zu erklären und ihre Wartung, Instandhaltung und Reparatur zu übernehmen. So ist das bis heute. Man wird sich im Rathaus gedacht haben: Sicher ist sicher. Nicht dass ein Pfaffe oder ein kapitalistischer Ausbeuter da irgendwo an den Zeigern dreht. Ist doch besser, wir kontrollieren das.

Damit ist es jetzt vorbei. Bürgermeister Michael Häupl hat die Verantwortung für die öffentliche Zeit der Öffentlichkeit entzogen, ohne die Öffentlichkeit zu fragen. 73 Euro zahlt die Wiener Städtische Versicherung ab sofort im Jahr für jede Würfeluhr, dafür hat sie jetzt auch ihr Logo drauf. Wer auf die Zeiger schaut, sieht die Versicherung. Wer die Zeiger nicht mehr sieht, weil das Logo im Weg ist, wird mit Nachdruck dran erinnert, dass es heute überhaupt nicht mehr wichtig ist, ob er die Zeiger sieht oder nicht. Sondern ausschließlich darauf, dass er das Logo angeschaut hat.

Braucht doch eh keiner mehr – öffentliche, gemeinsame Zeit. Hat doch eh jeder individuelle Zeit, doppelt und dreifach: Eine am Handgelenk, eine zweite am Handy, eine dritte am Zweithandy. Macht ja eh jeder sein eigenes Ding, im eigenen Takt, und wann der freie Dienstnehmer oder die neue Selbstständige ihren Werkvertrag erledigen, ist eigentlich egal. Privatsache. Geht keinen was an.

So gesehen, hat Bürgermeister Häupl uns aus dem industriellen Zeitalter hinausbegleitet.

 

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