… zumindest, was die musikalische Ausbildung betrifft

Von Sibylle Hamann

Wer nach dem Konzert im Musikverein, aufgewühlt und gerührt, in den J-Wagen steigt, dankt wahrscheinlich dem Herrgott für das Privileg, in dieser Stadt leben zu dürfen. Dieses großartige Angebot! Dieses wissende, kenntnisreiche, sensible Publikum! Diese Atmosphäre, diese Tradition! Der J-Wagen zuckelt den prächtig-imperialen Ring entlang, dann die gemütlich-bürgerliche Josefstädterstraße hinauf. Die Gedanken schweifen ab. An Wien wirds liegen. Wahrscheinlich kann sich musikalische Expertise eben nur hier entwickeln. Und nicht etwa in, sagen wir mal, Bottrop. Gelsenkirchen. Bochum. Oder Unna.

Bei diesen Namen fallen einem Schlote ein, stillgelegte Zechen, Fabrikshallen, triste Arbeitersiedlungen. Kulturhauptstadt will das Ruhrgebiet werden, im Jahr 2010. Naja, probieren dürfen sie es ja. Und die Rührung des Musikvereinsbesuchers wird sich verdichten zu wohliger Selbstzufriedenheit.

Die im konkreten Fall allerdings völlig unangebracht ist. Im Ruhrgebiet nämlich läuft gerade ein spektakuläres Experiment. „Jedem Kind ein Instrument“, heißt es. Sämtliche 1000 Volksschulen der Region werden daran teilnehmen, gemeinsam mit den Musikschulen. Ziel ist, bis zum Jahr 2010 200.000 neue Musikanten zu gewinnen, die in Kinderorchestern gemeinsam aufspielen werden. Zunächst kommen LehrerInnen aus den Musikschulen ein Jahr lang in die Schulen und üben Rhythmus und Takt, Instrumentenkunde und Singen. Dann darf sich jedes Kind ein Instrument aussuchen: Geige, Bratsche, Cello oder Kontrabass, Querflöte, Klarinette, oder Blockflöte, Trompete, Horn, Posaune, Akkordeon, Gitarre oder Mandoline. Der Unterricht ist in Kleingruppen, die Instrumente werden gratis zur Verfügung gestellt. Auch nach Hause zum Üben.

JEDES Kind? Das klingt zunächst einmal verrückt. Organisatorisch undurchführbar. Unfinanzierbar. Aber der Erfolg bisher ist durchschlagend. Denn die Grundidee hat dem Praxistest standgehalten: Viele Kinder bekommen, bedingt durch ihr Milieu, die Interessen oder die finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern, niemals im Leben die Chance, ein Instrument auch nur in der Hand zu halten. Eröffnet man ihnen diesen Zugang, kann man einen Schatz heben. Denn musizieren macht nicht bloß Spaß, es macht auch intelligenter. Es fördert Sprache und soziales Verhalten. Es kann ein Schlüssel zur Integration sein. 7300 Erstklässler in Bochum musizieren bereits, im kommenden Herbst werden es dreimal so viele sein. Die Veranwortlichen werden mit Anfragen aus anderen Städten bestürmt.

Vielleicht ruft auch mal jemand aus Wien an. Die Wiener Musikschulen könnten ein paar neue Ideen nämlich ganz gut brauchen. Der Platz ist knapp, das Budget ebenso, ab Herbst werden die Musikschulen deswegen keine Erwachsenen mehr unterrichten. Kinderorchester bringen sie allerdings ebensowenig hervor. Denn die Musik findet nicht in die Schulen, die Kinder finden nicht zu den Instrumenten.

Wien, das einmal so stolz war auf seine große musikalische Tradition, sein riesiges Angebot und sein kenntnisreiches Publikum, braucht dringend Hilfe. Bottrop, hört uns jemand?

 

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