Bei den Aufnahmetests an den Medizinunis schneiden Frauen schlechter ab als Männer. Hm.

Sibylle Hamann

An der Wiener Medizinuni ist Interessantes passiert. Eine Denksport-Aufgabe, sozusagen. Versuchen wir, sie nüchtern und intellektuell redlich zu lösen. Die Aufgabe geht so: Beim letzten Aufnahmetest traten deutlich mehr Frauen als Männer an, nämlich 56,6 Prozent. Unter jenen, die den Test schafften, waren jedoch nur 41,5% Frauen. Wie ist das möglich?

Sortieren wir zuerst einmal ein paar Erklärungsversuche aus: Dass Männer genetisch intelligenter seien, zum Beispiel. Das ist leicht zu widerlegen – denn weder in Deutschland, noch in der Schweiz, noch bei deutschen BewerberInnen in Wien gibt es diesen Geschlechterunterschied. Die Testbedingungen dürften fair sein: Der Test dauert mehrere Stunden, abgefragt wird räumliches Vorstellungsvermögen, Umgang mit Zahlen, Logik, Konzentrationsfähigkeit; das Multiple-Choice-Verfahren benachteiligt niemanden. Dass Burschen öfter Schulen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt besuchen, mag mitspielen; doch die Diskrepanz zwischen Mädchen und Burschen existiert auch, wenn man ausschließlich MaturantInnen naturwissenschaftlicher Zweige hernimmt.

Bleibt jene interessante Erklärung, auf die eine Studie der Bildungspsychologin Chiristiane Spiel gestoßen ist. Mädchen werden in unseren Schule anders bewertet als Buben. Sie haben bessere Zeugnisse, treten deswegen in größerer Zahl zum Test an, und treffen dort auf Burschen, die in der Schule durchschnittlich schlechter benotet wurden. Der direkte Punkte-Vergleich rückt die Leistungen dann zurecht.

Das klingt plausibel. Und wundert niemanden, der Kinder hat. Denn es ist kaum zu übersehen: Vom Kindergarten über die Volksschulen bis ins Gymnasium fühlen sich Mädchen im gegenwärtigen Bildungssystem deutlich wohler. Fleiß und Mitarbeit, soziale Kompetenz, Aufmerksamkeit und Konzentration werden belohnt. Buben hingegen landen viel häufiger in der Rolle der Randalierer, der Verweigerer. Nur allzu oft bekommen sie die Botschaft vermittelt, dass sie stören.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Brav-Sein Mädchen in den Genen liegt. Es bedeutet ebensowenig, dass Buben von Natur aus wilder seien. Es offenbart jedoch, dass beide an unterschiedlichen Maßstäben gemessen werden – daheim, in der Arbeitswelt, in der Politik ebenso wie im Mikrokosmos Schule. Schließlich werden erwachsene Frauen noch heute von männlichen Chefs dafür gelobt, „fleißige Arbeitsbienen“ zu sein.

Dass die Schulen praktisch männerfrei sind, ist nicht gerade hilfreich, um diese schiefen Maßstäbe zurechtzurücken. Wir kennen das Phänomen, dass sich Menschen, bewusst und unbewusst, stets am liebsten mit ihresgleichen umgeben. Männliche Chefs fördern Menschen, die ihnen ähnlich sind – deswegen sind und bleiben die Vorstandsetagen unserer Unternehmen so hartnäckig männlich. LehrerInnen im Klassenzimmer wird es umgekehrt kaum anders gehen. Deswegen bleiben die Schulen so hartnäckig weiblich.

Langfristig tut das niemandem gut. Weder den Mädchen noch den Buben, weder den Vorstandsetagen noch den Schulen. Danke an die Medizin für diese Diagnose. Die Behandlung liegt jetzt an uns.

 

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