Es war einmal, da musste man sich um die Mädchen in der Schule Sorgen machen. Still saßen sie in den Klassenzimmern und trauten sich nicht aufzuzeigen. Die Lehrer und Lehrerinnen beachteten sie kaum. Den Eltern war es relativ egal, was im Zeugnis ihrer Tochter stand – ein Mädchen würde seine Ausbildung später ohnehin nicht lang brauchen, höchstens ein paar Jahre, bis es den richtigen Mann gefunden haben würde, zum Heiraten und Kinderkriegen. Hauptsache, die Söhne der Familie brachten etwas weiter und schafften die Matura. Es gab Studien, die diese Ungerechtigkeiten belegten: Buben erhielten im Unterricht in der Regel zwei Drittel der Aufmerksamkeit, mehr Lob und Tadel, mehr Blickkontakt und mehr Rückmeldungen.

Das ist lange her. Denn heute hat sich die Problemlage in den Schulen beinahe umgedreht. Spätestens seit den Neunzigerjahren sind die Buben dort die Sorgenkinder. Unter den schwachen Lesern sind doppelt so viele Buben wie Mädchen, deutlich weniger von ihnen erreichen das Gymnasium, deutlich weniger schaffen die Matura. Zwei Drittel der Sonderschüler und Schulabbrecher sind Buben. War die Verteilung der Sitzenbleiber früher halbe-halbe, so liegt der Bubenanteil heute bei 62 Prozent. Zappelphilipps und Computerjunkies, Radaubrüder, Störenfriede und Außenseiter: achtig Prozent der Kinder, deren Eltern eine Erziehungsberatung aufsuchen, sind männlich.

Der laute, verhaltensauffällige Bub wird zwar (meistens) nicht mehr geprügelt, doch er ist, im übertragenen Sinn, der Prägelknabe geworden, für alles, was in unserem Bildungssystem schiefläuft. Er wird für das schlechte Abschneiden bei den PISA-Studien verantwortlich gemacht, er ist schuld an der steigenden Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen, und er hält die fleißigen Mädchen vom Lernen ab.

Wie kommt das? Es wird, auch, damit zu tun haben, dass unsere Schulen männerfreie Zonen geworden sind. Die allermeisten Lehrerzimmer allerdings sind mittlerweile exklusives Frauenterritorium. Vom Kindergarten bis zur Matura – jeden Tag bekommen Buben vorgeführt, dass erziehen und lernen, helfen und erklären, ermuntern, trösten und Streitschlichten Frauensache sind. Buben treffen in der Schule keine Rollenvorbilder. Sie treffen, außer dem Schulwart vielleicht, niemanden, von dem sie denken können: Der macht das super. Der ist cool. Der wird respektiert. So wie der möchte ich auch mal werden.

Weil ihnen da entscheidendes abgeht, suchen sie sich realitätsfernen Ersatz, Krieger, Fantasiehelden, Computerspielkämpfer, Rapper, Film-Rambos. Solche Idole aber helfen im Schulalltag nicht weiter, im Gegenteil. Wer so präpotent, raumgreifend, schießwütig sein will wie sie, wird zum Problemfall. Womit sich der Kreis schließt – und alle Vorurteile gegen Buben wieder mal bestätigt wären.

Wir brauchen mehr Männer in den Schulen und in den Kindergärten. Männer, die Buben auf die Idee bringen, ihre sozialen Talente zu entdecken. Männer, die Vorbilder sind. Speziell für Buben aus traditionellen Migrantenfamilien könnte das ein Aha-Erlebnis sein: Da schau her. Da ist ein Mann, der redet und handelt anders als der Papa daheim. Und wird trotzdem als Autorität respektiert. Vielleicht gerade deswegen?

 

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